| Irreführung, Übertreibung, Ignoranz – der schiefe Blick auf die Folgen des Klimawandels |
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| 23.01.2012 |
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There are no translations available. Autorenbeitrag von Steffen Hentrich
Geht es um die vermeintlich katastrophalen Folgen des anthropogenen Klimawandels, dann werden in aller Regel die ärmsten Länder in den Vordergrund gerückt. Tatsächlich wird der Zusammenhang von Armut und Klimawandel von Institutionen wie dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) immer wieder als Rechtfertigung für einschneidende Klimaschutzmaßnahmen im Sinne einer Reduzierung von Treibhausgasemissionen herangezogen. Doch bei näherer Betrachtung dieser Empfehlungen und deren wissenschaftlicher Herleitung zeigen sich eine Reihe logischer Widersprüche, die, ohne die üblichen Studien zur Bewertung der Klimafolgen in ihrer Gänze in Zweifel zu ziehen, genau das Gegenteil dieser Schlussfolgerungen nahe legen. Indur Goklanys verdienstvollen Arbeiten zu diesem Thema ist es zu danken, dass die Probleme der IPCC-Gutachten und anderer Studien zur Abschätzung der Folgen des Klimawandels inzwischen auf der Hand liegen.
Die vom IPCC veröffentlichten Modellprojektionen gehen allesamt davon aus, dass die Menschen in den heute ärmsten Regionen der Erde im Jahr 2100 deutlich reicher sind als heute. So erreichen beispielsweise im wachstumsstärksten Szenario des IPCC die Menschen in armen Ländern im Jahr 2100 ein Pro-Kopf-Einkommen, das doppelt so hoch ist wie heute in den USA (dreifach bis 2200), wobei die vom Klimawandel verursachten Schäden bereits vom Bruttoeinkommen abgezogen wurden. Genau dieses Szenario aber rechnet mit der höchsten Erwärmung von 4 Grad Celsius und dient als Schreckensszenario für die Bedrohung der Armen dieser Erde. Angesichts des hohen, dann erreichten Wohlstandsniveaus ist auch in den ärmsten Ländern der Erde davon auszugehen, dass es gelingt, die notwendigen technischen und organisatorischen Maßnahmen zu treffen, um mit den Folgen einer Temperaturerwärmung angemessen umgehen zu können. Dieses sehr wahrscheinliche Anpassungsvermögen wird in den Szenarien des IPCC jedoch weitgehend ignoriert. Auch die Fähigkeit der Menschen, durch technischen Fortschritt noch besser mit den Problemen der Natur umgehen zu können, bleibt in den Szenarien weitgehend unberücksichtigt. Es ist wenig glaubwürdig, dass sich die Menschheit in ein paar Jahrzehnten ihrer Probleme noch mit denselben Mitteln und Methoden wie heute entledigt.
Kein Wunder, dass die Schäden des Klimawandels für die Gesellschaft vom IPCC so hoch eingeschätzt werden. Demgegenüber werden die positiven Effekte des Klimawandels, etwa in manchen landwirtschaftlichen Regionen oder bezüglich der Wasserversorgung für viele Menschen, systematisch vernachlässigt. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Klimawandel in den meisten Fällen keine neuen Probleme schafft, sondern bestenfalls bestehende Entwicklungsprobleme verstärkt. Verluste in der Landwirtschaft wahlweise durch zu viel oder zu wenig Wasser, Hunger und Unterernährung, Malaria und andere ansteckende Krankheiten sind keine neuen Probleme, sondern seit jeher Geiseln der Entwicklung, die in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau in aller Regel nahezu beseitigt wurden. Modernste Landwirtschaftstechnik und Züchtungsmethoden haben die Produktivität der Landwirtschaft in Europa in den vergangenen zweihundert Jahren vervielfältigt, Malaria war auch in Europa ein wichtiges Gesundheitsproblem, bis man sich durch Ausrottung der Überträger das Problem vom Hals geschafft hatte. Auch Hunger und Mangelernährung sind in der industrialisierten Welt nahezu unbekannt. In einer Welt an der Wende zum nächsten Jahrhundert, in der die Menschen mehrfach so reich sein werden wie heute, sollte diesen Problemen ebenfalls weitestgehend zu Leibe gerückt worden sein, egal ob diese nun durch den Klimawandel oder einfach nur durch den Mangel an Wirtschaftskraft, Hygiene oder gesundheitlicher Grundversorgung verursacht wurden. Unter Berücksichtigung zukünftiger technischer Möglichkeiten dürfte sich das Problemlösungspotential in der Zukunft noch weiter verbessern.
Genau an dieser Stelle setzen die Modellierer für das IPCC jedoch ihre Scheuklappen auf und gehen davon aus, dass der Mensch technologisch auf der Stelle tritt. Obwohl der IPCC einräumt, dass nachhaltige Entwicklung den Umgang mit den Folgen des Klimawandels erleichtern kann, werden vor allem die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Entwicklung betont. Kein Wunder, dass nicht der Entwicklung, sondern der Vermeidung des Klimawandels das politische Primat eingeräumt wird. Tatsächlich weisen jedoch die dem letzten IPCC-Gutachten zugrundeliegenden Untersuchungen darauf hin, dass die globale Erwärmung selbst im wärmsten Entwicklungsszenario des IPCC nur 13 Prozent der gesamten Mortalität durch Malaria, Hunger und Überflutung verursachen würden, wohingegen die verbleibenden 87 Prozent auf klimaunabhängige Faktoren zurückzuführen sind. Ist aber der Einfluss des Klimawandels auf die Mortalität der Bevölkerung wesentlich geringer als der Einfluss der anderen Faktoren, sind gänzlich andere Schlussfolgerungen zu ziehen. Statt den Schwerpunkt der Maßnahmen auf eine Vermeidung des Klimawandels zu legen, wäre ein Abbau der anderen Mortalitätsursachen zu priorisieren. Nicht zu schnelles wirtschaftliches Wachstum, sondern eine zu langsame Entwicklung ist das Problem. Diese Schwerpunktsetzung wird auch dadurch untermauert, dass Maßnahmen zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen, wenn überhaupt, erst mit einer großen zeitlichen Verzögerung wirksam sind, wohingegen wirtschaftliche Entwicklung sehr rasch zu einer Erhöhung der Adaptionskapazitäten an klimatische Veränderungen führt.
Auch wenn wirtschaftliches Wachstum und technologische Entwicklung in der Vergangenheit, angetrieben durch die Energie fossiler Brennstoffe, einen Beitrag zur globalen Erwärmung geleistet haben, so sind sie auch verantwortlich für den Rückgang der Armut in vielen Entwicklungsländern, aber auch in der stärker entwickelten Welt. Die Rückkehr von Hunger und Mangelernährung in einigen Teilen der Erde ist dagegen nicht auf den Klimawandel, sondern auf die ersten Folgen der Klimapolitik zurückzuführen. Die massive Förderung der Bioenergienutzung hat sich als harte Konkurrenz zur Nahrungserzeugung erwiesen und eine hohe Zahl von Opfern verursacht, ohne nachweislich einen Nutzen für das Klima erbracht zu haben. Dieser Misserfolg der realen Klimapolitik zeigt einmal mehr, wie gefährlich eine einseitige Fokussierung der Klimapolitik auf die Vermeidung von Treibhausgasemissionen ist, vor allem dann, wenn ihre Ausgestaltung eine redliche Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Sachstand vermissen lässt. Alternative Ansätze zur Verminderung der gesellschaftlichen Konsequenzen eines sich wandelnden Klimas versprechen hingegen wesentlich mehr Wirkung bei geringeren Kosten. Frühwarnsysteme vor Naturkatastrophen, die Entwicklung neuer ertragreicherer und wetter- und klimabeständiger Pflanzensorten sowie die Verbesserung der Hygiene und der Gesundheitsversorgung zählen dazu. Mit Anpassungsmaßnahmen kann es gelingen, 100 Prozent der Probleme in den Griff zu bekommen, wohingegen eine Emissionsminderung bestenfalls 13 Prozent des Problems in den Blick nimmt.
Literatur
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