Negative Umweltbilanz der Energiewende? PDF Print E-mail
20.10.2011
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Autorenbeitrag von Steffen Hentrich

 

Auf einem Vortrag zum BDEW-Kongress "Kraftwerke 2030 – von der Grundlast zum Back-up?" am 18.10.2011 rechnete Harald Noske, Mitglied des Vorstands der Stadtwerke Hannover AG, seinen Zuhörern die Konsequenzen eines Umstiegs auf die Nutzung sogenannter Erneuerbarer Energieträger vor. Dabei kommt er zu erhellenden, jedoch vor allem besorgniserregenden Ergebnissen, was die wirtschaftlichen, aber auch die ökologischen Konsequenzen der Energiewende betrifft.

 

Nach seinen Berechnungen erfordert die Installation von 60 bis 80 GW Leistung aus Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energieträger ein Investitionsvolumen von 150 bis 200 Mrd. Euro. Eine Summe, die um Investitionen in Höhe von 20 Mrd. Euro zur Flexibilisierung des konventionellen Kraftwerksparks ergänzt werden muss, damit sich die Nutzung der erneuerbaren Energieträger überhaupt ins Netz integrieren lässt. Neue Kraftwerke (+ 30 GW à 500 €/KW) müssen gebaut, Speichermöglichkeiten (4 GW à 1000 €/KW) geschaffen und Steuerungssysteme errichtet werden. Für das Back-up-System kalkuliert er bei 800 bis 1 500 €/KW und einer Kapitalverzinsung von 6 Prozent über zwanzig Jahre jährliche kapitalbedingte Fixkosten von 70 bis 130 Euro/KW. Hinzu kommen betriebsbedingte Fixkosten in einer Größenordnung von 25 bis 50 €/KW pro Jahr. Insgesamt ist also mit einer Fixkostenbelastung von 95 bis 180 €/KW jährlich zu rechnen. Bei einer mittleren Auslastung der Back-up-Anlagen von 3 000 Stunden im Jahr ergeben sich damit allein für die Fixkostendeckung 32 bis 60 Euro pro MWh oder 3 bis 6 Cent/KWh ins Stromnetz eingespeister elektrischer Arbeit. Hinzu kommen die variablen Mehrkosten des Back-up-Systems, die sich für 250 TWh aufgrund des von 50 auf 45 % absinkenden Nettowirkungsgrades der Anlagen und des Brennstoffmehrverbrauchs von 55 TWh auf jährlich 1 bis 1,5 Mrd. € inklusive der notwendigen CO2-Zertifikatskosten belaufen. Für 34 GW Back-up-Leistung ergibt das demnach zusätzliche fixe Kosten von 3,2 bis 6,1 Mrd. € pro Jahr, was zusammen mit den variablen Zusatzkosten eine Extrabelastung der deutschen Stromkunden allein für die kraftwerksseitige Netzintegration der Erneuerbaren Energien von 4,2 bis 6,6 Mrd. € pro Jahr ausmacht. Das macht für jeden Bundesbürger im Durchschnitt 66 € pro Jahr aus, allein für Netzintegration der Erneuerbaren Energieträger, wobei weder die Kosten des Netzausbaus noch die hohen Kosten des Stroms aus Erneuerbaren Energieträgern selbst berücksichtigt wurden. Allein für letztere werden inzwischen schon einiges mehr als 100 Euro pro Kopf pro Jahr fällig.

 

Neben den Kostenwirkungen sind noch weitere Details von Interesse. Da das Back-up-System allein den Zweck hat, für eine nahtlose Integration von schwankenden Stromeinspeisungen zu sorgen, müssen die zusätzlichen Emissionen von der behaupteten Klimaschutzwirkung der Erneuerbaren Energien abgezogen werden. Sollte das Back-up-System allein auf Basis von Erdgas betrieben werden, ergibt sich ein jährlicher Mehrverbrauch von 6 Mrd. Kubikmeter. Das entspricht einer zusätzlichen Emission von rund 110 Mio. Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Im Vergleich dazu rechnet die Bundesregierung für das Jahr 2009 vor, dass die vom EEG vergüteten Anlagen den Ausstoß der Treibhausgasäquivalente um gerade einmal 60 Mio. Tonnen reduziert haben. Abgesehen davon, dass diese Einsparungen im europäischen Emissionshandel durch anderweitige Mehremissionen wieder verpuffen, müssen erhebliche Mengen von EEG-Strom ins Netz gespeist werden, um überhaupt eine positive Klimaschutzbilanz der Energiewende zu erreichen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Anteil der gesicherten Leistung der Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energieträger mit zunehmender Netzdurchdringung kleiner und die Nutzungsgrade des Back-up-Systems schlechter werden, so dass auch eine positive Klimaschutzwirkung der Energiewende immer schwieriger und kostenaufwendiger zu erreichen ist. Wird zusätzlich berücksichtigt, dass der geringere Wirkungsgrad des Back-up-Systems und die häufigeren An- und Abfahrten der konventionellen Kraftwerke zu deutlich höheren Emissionen von klassischen Luftschadstoffen (vor allem Stickoxiden) führen, kommen immer mehr Zweifel an der positiven Umweltbilanz der Energiewende auf. Gänzlich fraglich wird diese Wende, wenn man sie aus der Wirtschaftlichkeitsperspektive betrachtet und nach den Emissionsvermeidungskosten fragt. Hier dürfte sehr schnell klar werden, dass weit überdurchschnittliche Vermeidungskosten der Erneuerbaren Energieträger gepaart mit teuer erkauften zusätzlichen Emissionen für ein Back-up-System alles andere als Ausdruck einer kostenbewussten Klimapolitik sind.

 

 

Vortrag als pdf: "Kraftwerke 2030 - Anforderungen an den Umbau der Erzeugungs- und Kraftwerksstruktur" Die Wirtschaftlichkeitsberechnungen sind dem Vortrag von Harald Noske entnommen, daraus abgeleitete Zahlen jedoch vom Autor des Beitrags berechnet.

 

Comments  

 
# Frank Meier 2011-10-20 12:23
Höchst Interessant. Gibt es diese Rede als Text-Manuskript oder als Video?
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# ökowatch 2011-10-20 16:09
Der Link zum Vortrag wurde am Ende des Artikels eingefügt.
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# Frank Meier 2011-10-20 20:46
Vielen Dank.
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