Die Ökokrieger (eine Definition des Ökologismus) PDF Print E-mail
12.11.2010
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Autorenbeitrag von Peter Heller

 

Herr Weber hat Angst. Herr Weber [Name geändert] ist nicht irgendwer, er ist ein hoher Funktionär eines großen deutschen Umweltverbandes. Ein Meinungsführer also. Einer der mitreden darf, der gehört wird, nicht nur von den Mitgliedern seines Verbandes, sondern auch von der Presse und der Politik.


Webers Angst wurde spürbar in dem entgeisterten Blick, den er mir bei einer dieser vielen Hinterzimmer-Diskussionen zuwarf. Als ich ihm entgegenhielt, was auch immer man für den Klimaschutz in Betracht ziehe, müsse sich unter ökonomischen Aspekten rechnen, verlor er beinahe die Fassung. Denn, so dozierte er in einem Ton tiefster innerer Überzeugung,

wenn wir den Klimawandel nicht stoppen würden, wären die Grundlagen unserer Ökonomie nicht mehr vorhanden und damit sei mein Argument hinfällig. Womit aus Webers Sicht alles gesagt war und ich etwas verdutzt versuchte, eine nähere Erklärung zu erhalten. Es stellte sich heraus, daß Weber tatsächlich dem Glauben anhängt, im Falle einer weiteren Erderwärmung, wie sie die Projektionen des IPCC als möglich erscheinen lassen, wäre der Untergang unserer Zivilisation besiegelt. Das „Zwei-Grad-Ziel“ war für ihn sakrosankt und nicht diskutabel, die IPCC-Projektionen alternativlose Zukünfte (im Falle einer nicht ausreichenden Emissionsminderung) und die Folgen standen ihm klar vor Augen: das Ende der uns bekannten Welt in einer Apokalypse biblischen Ausmaßes.

 

Dagegen steht meine Auffassung (von der ich immer dachte, sie wäre Konsens in allen Diskussionen): Würden wir heute mit einer Zeitmaschine in das Jahr 2100 reisen können, die Welt wäre sicher in vielen Aspekten anders, aber uns in ihren grundsätzlichen Elementen noch immer vertraut genug, um sich zurechtfinden zu können. Ob Klimawandel oder nicht: Die Menschen werden lieben, lachen, leiden, Familien gründen, zur Arbeit gehen und ihre Freizeit genießen, in den Urlaub fliegen und am Wochenende die Sportstadien besuchen.


Eine solche Welt ist aber aus Sicht des Herrn Weber nicht vorstellbar. Der Klimawandel ist für ihn eine Mauer, über die man nicht schauen kann. Hinter dem Klimawandel folgt das Nichts, also ist zu versuchen, vor dieser Grenze zu stoppen und stehenzubleiben. Für mich dagegen ist der Klimawandel nicht viel mehr als ein Hinweisschild am Straßenrand, an dem man einfach so vorbeirauscht. Wenn man langsamer wird, kann man es lesen. Da es nichts Wesentliches beinhaltet, sollte man aber ruhig ein wenig Gas geben, die interessanten Dinge folgen noch hinter der nächsten Kurve…

Da ist auch noch Katie. Katie hat auch Angst, aber sie glaubt, die Ursache ihrer Angst selbst eliminieren zu können. Dazu verteilt sie merkwürdig aussehende Anhänger – an die Gäste ihrer Hochzeit. Und sucht und findet die von der böswilligen Hotelleitung „schlau versteckten“ Heizstrahler, die natürlich „SOFORT“ ausgeschaltet werden mußten. Katie kümmert sich – engagiert, wie sie ist – auch gerne um nicht mehr benötigte Toaster. Katie ist so stolz auf ihre „CO2-arme“ Hochzeit, daß sie die frohe Botschaft auch gleich der ganzen Welt kundtun muß. Denn sie will ja Anerkennung und Gefolgschaft, als Koordinatorin der deutschen Sektion der Kampagne 10:10. Zur Erinnerung: Das sind die, die mit demselben Vergnügen, mit dem sie Heizstrahler bekämpfen, auch die Köpfe von Kindern in Splattervideos explodieren lassen.

Was haben Katie und Herr Weber gemeinsam? Sie sind Ökologisten. An beiden kann man zwei äußere Grundmuster des Ökologismus ablesen: Angst (vor der Zukunft) und Sendungsbewußtsein (missionarischer Eifer). Aber das reicht noch nicht, den Ökologismus zu erfassen. Denn Furcht auf der einen und Fanatismus auf der anderen Seite bedingen sich zwar gegenseitig, sind aber auch nur Reflexe einer tiefergehenden Überzeugung.

Das ökologistische Dogma

Es ist offenbar schwierig, „Natur“ zu definieren. Da hilft das Ausschlußverfahren. Man charakterisiert zunächst all das, was nicht „Natur“ ist/sein kann/sein soll. Das ist für viele der Mensch, die von ihm geschaffenen „künstlichen“ Artefakte und die von ihm gestalteten Naturräume. Der Rest wäre dann die eigentliche „Natur“.

Für den Ökologisten ist diese Vorgehensweise nicht einfach nur eine Hilfestellung, um die Welt zu erfassen und Maßnahmen einzuordnen. Sondern programmatischer, dogmatischer Ausgangspunkt. In seiner Vorstellung gibt es die von Menschen unberührte Natur, die durch menschliche Eingriffe in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt wird. Und das ist in seiner Weltanschauung verwerflich, denn die Natur an sich hat ein eigenständiges intrinsisches Recht auf Existenz außerhalb menschlicher Einflußnahme. Dabei wird „Natur“ als etwas verstanden, das so „bleiben soll, wie es ist“ oder besser noch „so werden soll, wie es einmal war“. Der Ökologismus denkt in Zuständen, und nicht in Prozessen. Diese Haltung begründet sich durch zwei übergeordnete Aspekte:

* Erstens die Nähe zu mythologisch-religiösen Gedanken einer „Schöpfung“ (ggf. durch einen metaphysischen „Schöpfer“), für die wir Menschen ebenso verantwortlich sind, wie für uns selbst. Nicht zuletzt definieren bei uns die Parteien mit dem „C“ im Namen ihre Umweltschutzstrategie auf dieser spirituellen Basis.
* Zweitens die Vorstellung, das menschliche Leben wäre von der unberührten Natur abhängig. Ohne diese – so bspw. die Idee von Herrn Weber – wäre unser (Über-)Leben nicht mehr möglich. Man beachte: Von menschlichen Eingriffen geschaffene oder umfänglich beeinflußte Naturräume haben für den Ökologisten keinen Wert.

Das Überleben des Menschen in – oder besser neben – der ihn umgebenden Natur ist aus Sicht des Ökologismus daher immer nur ein Kompromiß. Das Idealbild besteht aus einer Erde ohne jede menschliche Aktivität, wie es in Bildern vom „Krebsgeschwür Mensch“, das den Planeten befallen habe indirekt, aber in radikalen Positionen auch sehr unmittelbar formuliert wird.

Aus Sicht des Ökologismus ist der Mensch der Feind dessen, was es zu bewahren gilt. Deswegen sucht diese Bewegung nicht nur die Fähigkeiten des Menschen zu verringern, seine Umwelt zu verändern (Technologiefeindlichkeit), sondern die Größe der menschlichen Population selbst zu steuern. Für die britische Initiative „Optimum Population Trust“ beispielsweise ist jedes Kind, das nicht geboren wird, eine eingesparte CO2-Emission, ein eingesparter Flächenverbrauch, ein eingesparter Verbrauch an Nahrung und Rohstoffen. Die „Einsparung“ von Glück, Freude, Hoffnung, Kreativität, Ideen und Zukunft, die mit jedem „eingesparten“ Kind einhergeht, zählt dagegen wenig. Ansätze wie die von OPT haben Hochkonjunktur, der Ökologismus schwimmt auf der Welle der Klimadebatte und nutzt entsprechende apokalyptische Zukunftsvorstellungen als „Mutter aller Katastrophen“ intensiv für sich aus.

Was auch immer wir tun, der Ökologist fragt nicht nach dem Nutzen für die Menschen, sondern nach dem Schaden für die Natur. Ob Landwirtschaft, der Bau von Infrastrukturen, die Produktion und Verteilung von Energieträgern und deren Nutzung, die Produktion und Verteilung von Waren und Gütern aller Art, ja am Ende selbst Kommunikationsmedien, die der freien Verbreitung von Ideen und Konzepten dienen, alles gehört aus Sicht des Ökologisten begrenzt, beschränkt und reguliert. Immer im Sinne des Gegensatzes zwischen den Ansprüchen des Menschen und der Natur. Eine Auseinandersetzung, die nach ökologistischen Vorstellungen immer im Sinne der Natur zu entscheiden ist. Denn ihr Recht auf „Unberührtheit“ vor menschlichen Aktivitäten ist der höchste Wert, den der Ökologist kennt.

Obwohl es mittlerweile sogar einen Wikipedia-Eintrag zum Begriff „Ökologismus“ gibt und viele Kommentatoren in der Klima- und Umweltdebatte diesen schon seit Jahren verwenden, existiert keine übergreifende Definition. Und von daher ist es verständlich, wenn viele Leser nicht immer verstehen, was ich denn meine, wenn ich von Ökologismus spreche. Oft höre ich dann, man solle doch einen solchen „Kampfbegriff“, mit dem jede Art von Umweltschutz negiert wird, besser nicht verwenden. Aus diesem Grund habe ich mit diesem Text versucht, das zu beschreiben, was ich unter „Ökologismus“ verstehe. Ich fasse zusammen:

Dogma des Ökologismus ist die Existenz eines Konfliktes zwischen Mensch und Natur, der nur durch Kompromisse lösbar ist. Der „Natur“ wird dabei ein eigenes, intrinsisches Recht auf „Unberührtheit“ zugewiesen, das der Mensch in seinem Handeln zu berücksichtigen habe.

Dieser Gegensatz zwischen Mensch und Natur kann – ein weiterer zentraler Aspekt der ökologistischen Bewegung – niemals abschließend aufgelöst werden. Er verlangt daher dauerhafte und stetige Anstrengungen, die in eine niemals abbrechende Kette von Kompromissen münden. Diese prinzipielle Abwesenheit einer endgültigen Lösung sichert nicht nur die Existenz des Ökologismus ab. Sondern auch die Vorstellung, fortdauernde Prozesse der „nachhaltigen Entwicklung“ durch fortlaufende „Weiterentwicklung“ des menschlichen Individuums optimieren zu müssen.  Er schafft damit die Möglichkeit, Regulierungen, Einschränkungen und Verbote immer wieder neuen Charakters, immer wieder neuen Zuschnittes vorzuschlagen, zu debattieren und durchzusetzen. Der Konflikt zwischen „Mensch“ und „unberührter Natur“ ist vor diesem Hintergrund der Startpunkt für den Weg in eine Gesellschaft totalitären Zuschnittes.

Auf dieser gedanklichen Grundlage beruhen die Ängste des Herrn Weber (und seine Schlußfolgerungen) ebenso, wie der blinde Aktionismus und das Sendungsbewußtsein von Katie. Das ist es, wogegen wir in der Klimadebatte eigentlich kämpfen. Katie und Herr Weber sind Beispiele für die „Ökokrieger“, die ihre Weltsicht und ihre Verhaltensnormen auch allen anderen Menschen aufzwingen wollen. Denn solange auch nur einige wenige Menschen nicht bereit sind, Kompromisse zugunsten der „unberührten Natur“ einzugehen, wird die Angst bei Katie und Herrn Weber bestehen bleiben und ihr Denken und Handeln diktieren können.

 

 

ursprünglich erschienen auf "science-skeptical.de"

 

Comments  

 
# Kokospalme 2010-11-17 13:14
Herr Heller schrieb:

Der Ökologismus denkt in Zuständen, und nicht in Prozessen. Diese Haltung begründet sich durch zwei übergeordnete Aspekte: Erstens die Nähe zu mythologisch-religiösen Gedanken einer „Schöpfung“ (ggf. durch einen metaphysischen „Schöpfer“), für die wir Menschen ebenso verantwortlich sind, wie für uns selbst. Nicht zuletzt definieren bei uns die Parteien mit dem „C“ im Namen ihre Umweltschutzstrategie auf dieser spirituellen Basis.

Der Schöpfungsbericht der Bibel steht dem Ökologismus jedoch fundamental entgegen. Dort heißt es nämlich:

Und Gott segnete sie [d.h. die soeben erschaffenen Menschen], und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!

Wahres Christentum sieht daher die Nutzbarmachung der Natur als göttliches Gebot an. Echte Christen beten Gott an, nicht Gaja.

Ein Bibelkommentator schrieb einmal, dass laut biblischem Schöpfungsbericht die Erde letztlich für den Menschen da ist. Aus christlicher Sicht hat es also keinen Sinn, dass Ökologisten grübeln, ob sich die Natur nach erfolgreicher Selbstvernichtung der Menschheit wieder „erholen“ würde. Selbst wenn sie es könnte, könnte sie nicht mehr ihren wesentlichen Zweck erfüllen, nämlich Heimat der Menschen zu sein.

Dass die Mainstream-Kirchen und die nominell christlichen Parteien ständig unter dem Banner „Bewahrung der Schöpfung“ ökologistisch schwadronieren, hängt damit zusammen, dass diese Organisationen sich größtenteils längst vom biblischen (also echten) Christentum verabschiedet haben und stattdessen einen religiösen Mischmasch vertreten, der sich lediglich christlicher Begriffe bedient.
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