| Umweltpolitiker und Ökoaktivisten vor dem Realitäts-Check |
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| 14.06.2012 |
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There are no translations available. Autorenbeitrag von Michael Breu
Beim Versuch, die Umwelt zu schützen, scheitern wir chronisch, findet Spiegel-Autor Alexander Neubacher.
Die Deutschen sind für Umweltschutz, die Natur liegt ihnen am Herzen. Auch Alexander Neubacher würde dies unterschreiben. Der Wahlberliner und vierfache Familienvater fährt zwar einen Kleinwagen, lebt ansonsten aber möglichst ökofreundlich. „Zum Brötchenholen fahre ich mit dem Rad; auf Dienstreise nehme ich den Zug. Sämtliche Toilettenspülungen bei uns zu Hause sind mit einer Wasserstopptaste ausgerüstet. Ich bevorzuge Milchprodukte, die ein Biosiegel tragen, auch wenn sie ein paar Cent teurer sind. Eier aus Käfighaltung kommen mir nicht ins Haus, und wenn ich Wurst esse, plagt mich neuerdings ein schlechtes Gewissen“, so der Volkswirt, der an der Uni Köln und anschließend an der renommierten Kölner Journalistenschule studierte. Heute arbeitet der 44-Jährige als Wirtschaftsredakteur im Hauptstadtbüro des Magazins "Spiegel" in Berlin, eben hat er halb Deutschland gegen sich aufgebracht: Sein Buch "Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten" ist bei den linksgrünen Städtern schlecht angekommen. Neubacher leiste dem Umweltschutz einen Bärendienst mit seiner Kritik an den Umweltmaßnahmen der Bundesregierung, wird moniert. Steht es tatsächlich so schlecht um Deutschland? Und wie sieht der Autor die Diskussion in der Schweiz?
„Die politischen Parteien sind sich im Prinzip einig: Umwelt kann es nicht genug geben. Kein fortschrittlicher Politiker will sich dem Verdacht aussetzen, es mangle ihm an ökologischem Bewusstsein, sonst wäre seine Karriere am Ende“, analysiert Neubacher. Doch habe man weder die edlen Ziele, noch den Weg dorthin je untersucht: „Ob eine Umweltschutzmaßnahme den gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende gar nicht so wichtig“, sagte der Autor an der Buchpräsentation am Sitz der Deutschen Bank im Zentrum von Berlin. Akribisch hat der Volkswirt in den vergangenen Jahren Beispiele zusammengetragen und sie auf ihren ökologischen Erfolg hin abgeklopft.
Beispiel Müll: „Die Berliner Durchschnittsfamilie besitzt fünf verschiedene Abfalltonnen; das gilt auch für mich und meine Lieben“, so Neubacher. Die Regeln des Dualen Systems – so wird das Recycling im deutschen Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz bezeichnet – schreiben vor, dass Joghurtbecher "restenleer", "tropffrei" und "löffelrein" zurückgegeben werden müssen. Nicht wenige würden deshalb den Becher in der Geschirrwaschmaschine reinigen, bevor das Plastikbehältnis in die gelbe Tonne wandere. Dass so unter dem Strich mehr Energie verbraucht wird, kümmere das Umweltbundesamt nicht. Auch gibt Neubacher zu bedenken, dass nur 36 Prozent des Plastikmülls gemäss Verordnung wiederverwertet werden muss, „mit den restlichen 64 Prozent kann die Müllfirma machen, was sie will und womit sie das meiste Geld verdient“, so der „Spiegel“-Autor.
Einen zweiten Problembereich ortet der Autor beim Wasserhaushalt. Zwar sei die neue Duschkopftechnik, die das Wasser verwirbelt und so tatsächlich beim Wassersparen helfe, eine erfolgreiche Entwicklung. Doch bei der Einführung habe man einen entscheidenden Aspekt unbeachtet gelassen: „Weil wegen unseres geringen Verbrauchs zu wenig Wasser durch die Rohre rauscht, verstopft neuerdings die Kanalisation. Fäkalien, Urin und Speisereste fließen nicht mehr ab“, so Neubacher. Was also tun? „Die naheliegende Lösung für unsere Rohrleitungsprobleme wäre, wieder mehr Wasser zu verbrauchen. Doch so funktionieren die Deutschen nicht. Wer so lange darauf gedrillt wurde, beim Duschen mit einem Minimum an Flüssigkeit auszukommen, wirft nicht seine Gewohnheiten über Bord“, glaubt Neubacher. Die Totalerneuerung des Leitungssystems komme auch nicht in Frage, weil zu teuer. Da bleibt nur eine Lösung: Die Wasserwerke pumpen in Berlin teilweise bis zu einer halben Million Kubikmeter Leitungswasser direkt in die Kanalisation um „die notwendige Fließgeschwindigkeit“ zu gewährleisten.
Hart ins Gericht geht der gebürtige Krefelder mit der Sparlampe, die in der EU per Diktat vorgeschrieben wurde, den Dämmstoffen, mit denen neuerdings alte Gebäude als Energiesparmaßnahme eingekleidet werden, dem alkoholhaltigen Biosprit E10, der als umweltfreundlicher Kraftstoff dazu beitragen soll, den CO2-Ausstoß zu verringern, den Bioäpfeln, die in gekühlten Lagern überwintert werden oder der Getränkedose, die die Mehrwegflasche verdrängt hat. „Niemand soll gezwungen werden, sich giftige Quecksilberleuchten ins Haus zu holen. Es ist unvernünftig, weitere Atomkraftwerke abzuschalten, wenn wir dadurch von Atomstrom-Importen aus Frankreich abhängig werden. Und solange eine einmal verwendete Papiertüte eine schlechtere Ökobilanz aufweist als eine Plastiktüte, sollten grüne Sittenpolizisten noch einmal darüber nachdenken, ob es wirklich der Kunststoffbeutel ist, den sie verbieten wollen“, findet Neubacher.
Wie weiter? „Umweltpolitiker und Ökoaktivisten wissen überraschend genau, was wir zu tun und zu lassen haben, damit die Welt gerettet werden kann“, so Neubacher. Doch es wäre gut, wenn man diese Gewissheit ab und zu einem Realitäts-Check unterziehen würde. Eine Ökosteuer, die ausgerechnet den ökologisch schädlichen Diesel bevorzuge, müsse überarbeitet werden. Und Elektrofahrzeuge, die umgerechnet deutlich mehr Kohlendioxid pro Kilometer verursachen als Benziner, dürften nicht als Alternative gepredigt werden. „Wer im Bioladen einkauft, sich vegetarisch ernährt oder ein Elektroauto fährt, kann das gerne tun. Daraus die Berechtigung abzuleiten, man dürfe anderen Leuten eine Lektion in ökologisch korrekter Lebensführung erteilen, ist aber nicht angebracht“, findet Neubacher, der in seinem Buch für mehr Fortschritt plädiert, von den Untergangszenarien des Club of Rome wenig hält und unreife Politmaßnahmen, wie den im Klimavertrag von Kioto beschriebenen "Clean Development Mechanism", als "Klimatrick" scharf kritisiert.
Auch in der Schweiz sei Umweltpolitik oft rein symbolisch, aber in der Debatte steht, anders als in Deutschland, nicht ständig der Weltuntergang vor der Tür, sagt Neubacher. „In der Schweiz geht es etwas rationaler zu. Bei uns in Deutschland hingegen wird ein Eiferer wie der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber zum obersten Klimaberater der Kanzlerin berufen. Roger de Weck hat über uns Deutsche mal geschrieben: „Das Wehklagen ist eine besondere Form des Wohlbehagens. Hat der Deutsche keinen Grund zu jammern, wird er unzufrieden.“ Und was ist nun der Rat aus dem vom Ökofimmel geplagten Deutschland an uns Schweizer? Alexander Neubacher: „Als Schweizer haben Sie ja das Glück, dass Sie nicht automatisch jeden Quatsch mitmachen müssen, den sich die Ökokraten der EU in Brüssel ausgedacht haben. Erstaunlich, dass Sie es trotzdem manchmal tun.“
Alexander Neubacher: "Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten", Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2012, 272 Seiten |







Comments
Umweltschutz ist in vielen Fällen nur die Außenhülle, was dann "da" drin iist, ist nicht mehr so wichtig.
Jede Gemeinde in diesem Land will letztendlich mit Klimaverantwortlichkeit glänzen.Jeder Lokale Energieversorger hat natürlich die Patentlösung...In Zusammenarbeit mit dem Ortsbürgermeister ist "ein Ökoenergiepark (Wind oder Solar) die große Nummer. Sogar im Hunsrück in Nähe der BAB 1 nicht weit vom höchsten Berg Erbeskopf (818 Meter)
(bei nicht einmal 3 Stunden täglicher Sonnenscheindauer)
hat meinen einen Solapark erstellt. Die Presse fährt auf jegliche Maßnahmen dieser Art mit Seitenlangen Berichten ab, während örtliche Installationsunternehmen sich mit Anzeigen anhängen.
In Bürgerinfoveranstaltungen werden regelrechte Märchenstunden abgehalten, welche von paradisischen Zuständen für die jeweilige Gemeinde berichten.
Das ganze ist ein übersubventioniertes großes Geschäft und hat mit Umwelt soviel zu tun wie Handball mit Fußball. Jeder will sich noch (schnell) einige Krümel vom großen Idiotiekuchen abbekommen (bevor es hoffentlich bald zu spät ist). Für so etwas bräuchte man eigentlich keinen Realitätsscheck...aber warum nicht.
Erich Richter
Dieses 'Wir müssen die Welt retten' ist ja ohenhin absurd. Mit ein bißchen Wassersparen hier und einem Bioeinkauf da verändert sich ja nun wirklich nichts. Jede/r will sich als ÖKO-Batman/women fühlen, die eigene Bedeutsamkeit steigt, Alltägliches wird aufgehübscht zur verantwortungsvollen Tat. Was Menschen früher aus Sparsamkeit taten wird heute zu einer Befolgung des 'ökologischen Gewissens' (was immer auch das genau sei), mag es noch so sinnlos sein.
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