Fernseher einschalten, Verstand abschalten PDF Drucken E-Mail
14.09.2011
Autorenbeitrag von Steffen Hentrich

 

Vor einigen Tagen wurden die Zuschauer des NDR-Magazins "Markt" vor der Belastung von mineralischem Volldünger mit dem Schwermetall Uran gewarnt. Bis zu 400 mg Uran pro Kilogramm Phosphat wurden in den Proben gemessen. Zwar hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bereits vor einigen Jahren Entwarnung gegeben und ein nennenswertes gesundheitliches Risiko für den Menschen durch Uran in Lebens- und Futtermitteln ausgeschlossen, doch das hält das Fernsehen nicht davon ab, aus dem Blauen heraus neue Grenzwerte zu fordern und die Bundesregierung wegen ihrer Untätigkeit diesbezüglich zu tadeln. „Achtung, giftig!“ sollte nach Ansicht des Fernsehredakteurs auf den Düngemittelverpackungen stehen. Kontaminiert seien deutsche Gärten, ohne dass man den Verbraucher davon in Kenntnis gesetzt hätte. Kein Wunder, dass auch andere Medien die Nachricht aufgriffen und sich Sorge unter den Verbrauchern breitmacht.

 

Was das Fernsehen jedoch beflissentlich verschweigt, ist die Tatsache, dass die Dosis auch beim Gartendünger das Gift macht. Dabei kann sich jeder Verbraucher leicht mit einem Taschenrechner ein Bild davon machen, wie wenig substantiell die angebliche Bedrohung des Urans in Düngemitteln ist. Üblicherweise nehmen Schwermetalle über das Gartengemüse den Weg in den Körper, wobei die Furcht vor dem Schadstoff nur dann begründet ist, wenn das Schwermetall in gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen in den menschlichen Organismus gelangt. Ein Maß für eine derartige Gefährdung ist der sogenannte TDI-Wert eines Stoffes, der darüber Auskunft gibt, wie hoch die erlaubte Tagesdosis ist. Für Uran liegt dieser Wert laut Angaben der BfR bei 0,6 Mikrogramm Uran pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Gemüsepflanzen nehmen Uran ebenso wie Phosphate aus dem Dünger auf und speichern es in der Pflanzenmasse ab. Würde man -unrealistischerweise - davon ausgehen, dass die Pflanze das Uran im selben Uran-Phosphat-Verhältnis aufnimmt wie es im Dünger enthalten ist, dann würde man beispielsweise in 100 g Brokkoli (50 mg Phosphat) schlimmstenfalls 2 μg Uran (bei 400 mg pro kg Phosphat) finden. Ein 60 kg schwerer Mensch kann jedoch ein Leben lang bis zu 36 μg Uran pro Tag unbedenklich aufnehmen. Daher müsste man aus dem eigenen Garten täglich mindestens 1,8 kg Brokkoli essen, der mit dem höchstbelasteten Dünger gedüngt wurde, um Gefahr zu laufen, den TDI zu überschreiten. 

 

Tatsächlich werden nach Angaben der BfR die durchschnittlich höchsten Urangehalte in Schalentieren (bis >30 μg/kg), in frischem Gemüse dagegen relativ niedrige Gehalte von weniger als 2 μg/kg gemessen. Lediglich in ungeschältem Wurzelgemüse, ungewaschenen Kartoffeln und ungeschältem Rettich, in denen sich das Uran aus dem Boden einlagert, können Urangehalte von bis zu 18 μg/kg gemessen werden. Unter diesen Bedingungen muss man für die Überschreitung des TDI bei 60 kg Körpergewicht unrealistisch hohe Gemüseportionen von 18 kg pro Tag verspeisen. Selbst von dem hochbelasteten Wurzelgemüse kann man bis zu 2 kg verspeisen, ohne Gefahr zu laufen, den TDI dauerhaft zu überschreiten. Erfahrungswerte zeigen, dass Menschen mit der Nahrung je nach Umgebungsbedingungen zwischen 1,5 und 3 μg Uran mit Lebensmitteln aufnehmen und damit weit unter dem TDI von 36 μg für eine 60 kg schwere Person liegen. Zwar nehmen Menschen zusätzlich noch Uran über das Trinkwasser auf, das Risiko gesundheitsgefährdender Mengen ist jedoch trotzdem sehr gering.

 

Dass all diese Überlegungen in der Berichterstattung des NDR und von Greenpeace keine Rolle spielten, wirft kein gutes Licht auf die Qualität des dort gebotenen Journalismus. Aus diesem Grund kann man dem Verbraucher nur raten, die Informationen aus den Medien in Fragen der Lebensmittelsicherheit mit Informationen von Institutionen wie z.B. dem BfR gegenzuprüfen. Damit erhält man nicht nur Einblicke in die wissenschaftlichen Hintergründe der Diskussion um Gesundheitsrisiken und der Ableitung entsprechender Grenzwerte, sondern entzieht sich auch dem Zugriff journalistischer Kommunikationstricks zum Zweck der unverhältnismäßigen Dramatisierung zu vernachlässigender Gefahren. Daher empfiehlt sich in Fragen des Verbraucherschutzes ganz eindeutig: Verstand anschalten und Fernseher ausschalten.

 

Link zur Sendung

 

Kommentare  

 
# Daniel 2011-09-14 16:30
Kurz nach der Fukushima-katastrophe habe ich mich mit den in Tokio überschrittenen dortigen Grenzwerten für Trinkwasser befasst. Nach 5 Minuten Googeln und querlesen wusste ich: Mit dem in Tokio als "giftig" deklarierten Trinkwasser hätte man in der EU noch Babynahrung anrühren dürfen. Und wer in Bayern eine Portion Wildschweinbraten verspeist, nimmt das zig- bis hundertfache an Radioaktivität auf, wie in einem Liter Tokioter Wasser. Grenzwerte sind eben relativ willkürlich festgelegte Richtwerte.
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