Minergie - Pfusch oder sinnvolle Investition in die Zukunft? PDF Drucken E-Mail
31.05.2012
Autorenbeitrag von Michael Breu, St. Gallen

 

Schimmelbildung in Räumen, brandgefährdende Isolationen: Die Dämmung von Gebäuden gerät unter Beschuss

Rund 40 Prozent des Energieverbrauchs fallen in der Schweiz im Gebäudebereich an, rund 1,5 Millionen Gebäude seien «energetisch dringend sanierungsbedürftig», heisst es auf der Homepage des nationalen Gebäudeprogramms, das vor etwas mehr als einem Jahr vom Bund und den Kantonen ins Leben gerufen wurde. Das Programm versteht sich als Beitrag zum globalen Klimaschutz; als Ziel soll die Gebäudesanierung nach dem Minergie-Standard gefördert werden.

 

Die Minergie-Idee wurde 1994 von Heinz Uebersax und Ruedi Kriesi entwickelt und erstmals in Kölliken im Aargau umgesetzt. Minergie bedeutet, dass Gebäude einen vorgeschriebenen Energiewert erreichen müssen; je nach Zertifikat und Gebäudetyp sind die Anforderungen strenger. Das klassische Zertifikat für Einfamilienhäuser schreibt beispielsweise einen Energieverbrauch von 38 Kilowattstunden pro Quadratmeter vor, während der 2011 eingeführte Minergie-A-Standard eine «Netto-Null» fordert.

 

Zehn Jahre Fortschritt

 

Auch in Deutschland wird die energetische Sanierung seit zehn Jahren vorangetrieben. «Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, dann soll der Energieverbrauch in Gebäuden bis 2050 um 80 Prozent gesenkt werden, insbesondere durch Dämmmassnahmen», berichtete die ARD. Während in der Schweiz nur vereinzelt Kritik zu lesen ist, wird in Deutschland teilweise heftig debattiert. «Kritiker warnen vor Abzocke und Pfusch am Bau», warnte das Magazin «Spiegel» bereits vor sechs Jahren, die angeblich umweltbewusste Wärmedämmung könne «zur teuren Fehlinvestition werden».

 

Eine Fehlinvestition ist die Dämmung dann, wenn sich Schimmel und Algen bilden. «Eine Aussendämmung mit Wärmeverbundsystemen ist für manche Bausubstanz sogar schädlich», weiss das Wissenschaftsmagazin «Odysso» des SWR. Grund: Baustoffe wie Sandstein, Lehm oder Bimsstein seien atmungsaktiv. Werden solche Wände von aussen verschlossen, sammelt sich die Feuchtigkeit der Wohnräume im Innern an. «Die Wand wird sich zersetzen, der Stein wird durch zu viel Feuchtigkeit kaputtgehen, zudem wird das Gebäude innen feucht und die Gefahr einer Schimmelpilzbelastung steigt an», erklärt Baugutachter Peter Beutler. Der Schweizer Architekt und Bauingenieur Paul Bossert hat auf diesen Effekt schon mehrfach hingewiesen. Ein Dorn im Auge ist ihm die sogenannte Favorisierung des U-Wertes, der die Dämmeigenschaften beschreibt.

 

Rechnung mit vielen Unbekannten

 

Der Koeffizient für den Wärmedurchgang beschreibt, wie viel Watt Energie pro Quadratmeter zwischen innen und aussen pro Grad Temperaturdifferenz verloren geht. Nicht berücksichtigt werde beispielsweise die Wärmespeicherfähigkeit der Baumaterialien. «Ein fataler Fehler», findet Bossert, denn die Speichereigenschaft einer Mauer sei für den Energiehaushalt entscheidend.

 

Als Beispiel führt der Ingenieur eine Studie an, die er vor zehn Jahren mit Energieverbrauchsdaten der Stadt Dietikon durchgeführt hatte. Gebäude, die zwischen 1850 und 1950 klassisch mit dicken Backsteinmauern gebaut wurden und nicht über eine Aussenisolation verfügen, schnitten mehrheitlich besser ab als Gebäude, die man aufwendig nach Minergie-Standard sanierte. «Es ist richtig, Heizanlagen, Heiz- und Warmwasserleitungen sowie Estrichböden und Kellerdecken mit wirksamen Wärmedämmungen zu versehen», berichtete Bossert 2001. «Im Fassadenbereich sind Dämmstoffe jedoch am falschen Ort, da damit die Solarstrahlung nicht nutzbar ist, was zu hohen Investitions- und Energieschäden führt.» Die Frage der Energieschäden wird in der Fachwelt seit Jahren diskutiert. Grund dafür ist, dass für die Auszeichnung mit dem Minergie-Zertifikat ein Planungswert ausreicht, Messungen nur in wenigen Fällen durchgeführt werden.

 

Keine Einsparungen


Kritiker der Minergie-Vorschriften führen deshalb an, dass die Einsparungen ein einziges Märchen seien. 2004 jedoch belegte eine Untersuchung der Fachhochschule für Technik in St. Gallen, dass Minergie-Neubauten wesentlich weniger Energie verbrauchen als Vergleichsobjekte.

 

Dem hält die deutsche Energieberatungsgesellschaft co2online nach einem Vergleich von 20 000 Häusern entgegen: «Nach der Sanierung werden in der Praxis statt der angepriesenen 85 Prozent lediglich 15 Prozent Energie gespart.» Bei durchschnittlichen Heizkosten zahle sich die Energiesanierung erst nach 30 Jahren aus. Einen Grund für den beschränkten Nutzen der Wärmesanierung ortet das Magazin «Odysso» bei den Dämmplatten: Bei fünf Zentimeter Dicke sei der Effekt am grössten, danach sinke er rapide. Auch der Hildesheimer Architekturprofessor Jens P. Fehrenberg bestätigt dies gegenüber dem «Spiegel».

 

Brennende Fassaden

 

In der Schweiz weisen heute 23 000 Gebäude den minimalen Minergie-Standard auf, und knapp 2000 Gebäude haben einen höherwertigen Sanierungsgrad. Auch in Deutschland hat die Zahl der Energiesanierungen zugenommen. «Das Thema Wärmeschutz ist heute ein bestimmender Faktor im Hochbau und insbesondere im Wohnbau mit Niedrig- und Passivenergiehäusern», so Sicherheitsfachwirt Frank D. Stolt. In einem Feuerwehrfachmagazin berichtet er von brennenden Dämmfassaden, die explosionsartig ein ganzes Haus in eine Feuerhölle verwandeln können. So geschehen Ende April 2005 in Berlin.

 

Kritik kommt nun auch von der Lehre: «Minergie bildet das nachhaltige Bauen nur teilweise ab», sagte Holger Wallbaum gegenüber der «NZZ am Sonntag». Der Professor für nachhaltiges Bauen vermisst beim Label Aspekte wie Lebenszykluskosten. Und Andrea Deplazes, ETH-Professor für Architektur und Konstruktion, kritisiert: «Die Architektur darf nicht einfach in einer Verpackungshaltung münden», denn dies führe zu einer universalen, normierten Architektur.

 

Zuerst veröffentlicht in der Druckausgabe der Basler Zeitung vom 27.3.2012

 

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