Zerzaust und Zersiedelt - ist das Stadtleben ökologischer als das Landleben? PDF Drucken E-Mail
13.06.2012
Autorenbeitrag von Michael Breu, Bern

 

Manchmal braucht eine Idee Zeit. Und oft braucht es einen Input von aussen, damit die Vordenker im eigenen Land ernst genommen werden. Das provozierende Buch "Triumph of the City" des Harvard-Professors Edward L. Glaeser bildete die Initialzündung. Seither darf man in der Schweiz über Rolf Schochs Ideen zur Raumplanung diskutieren.

 

Edward Glaesers These ist nicht neu, doch zum ersten Mal hat sie ein Professor einer renommierten US-Universität so formuliert, dass sie erstens die Leute auf der Straße verstehen, und dass sie zweitens dank der Provokation auch von den Medien aufgegriffen wird: „Städte machen uns klüger, gesünder und ökologischer, erst die Urbanität hat uns zum Menschen gemacht“ ist die knappe Formel des 45-jährigen Wirtschaftsprofessors. Auf knapp dreihundert Buchseiten belegt er, dass der ökologische Fussabdruck eines Städters deutlich kleiner ist als der eines "Agglo-Bewohners", der aus falsch verstandener Naturliebe aufs Land gezogen sei und dort für einen wahren CO2-Alptraum sorge. Unter einer "Agglomeration" wird städtebaulich das besiedelte Gebiet einer oder mehrerer Städte mit ihren Vororten verstanden.

 

Rolf Schoch hat dies schon vor Jahren geschrieben, kaum einer wollte ihm damals zuhören. Entspannt sitzt der Architekt im Berner Café Fédéral. Aus einer schwarzen Mappe zieht der gebürtige Schaffhauser ein dickes Dossier; "Zerzaust und Zersiedelt", steht auf dem Deckblatt, es ist die Antwort des Praktikers auf die Thesen des Denkers aus Harvard. Rolf Schoch ist nicht irgendjemand. Der Pionier hat als einer der ersten auf Holzschnitzel-Heizungen gesetzt, Wärmepumpen mit Erdsonden hat der Architekt gebaut, als die meisten Politiker noch gar nicht wussten, dass man die Wärme aus dem Erdinnern für Heizzwecke nutzen kann, und die Sonne hat Schoch seit jeher in seine Architektur integriert. Mit seinem Team vom Architekturbüro Aarplan wurde er mehrfach ausgezeichnet, mit dem Berner „ATU-Prix für wegweisende, nachhaltige Projekte“, dem Minergie-Preis und gleich doppelt mit dem Schweizer Solarpreis.

 

„800 000 Einfamilienhäuser wurden in den letzten sechzig Jahren erstellt, 500 000 davon sind sanierungsbedürftig.“ Schoch lässt die Zahlen wirken, die er aus den Statistiken des Bundesamtes für Energie extrahiert hat. Doch dann legt der ansonsten so gemütliche Architekt los: „Die Besitzer dieser Häuser kommen alle in den Genuss des Klimarappens, der pro Quadratmeter sanierter Isolationsfläche ausbezahlt wird. Das ist doppelt falsch!“ Einerseits werde mit der Sanierung von Einfamilienhäusern unter dem Strich keine Energie eingespart, andererseits zementiere man damit buchstäblich die Zersiedelung. „Das bringt der Natur überhaupt nichts“, betont Schoch.

 

Die Siedlungsstrukturen der Schweiz haben ihn seit jeher interessiert, auch die Geschichte der Raumplanung. Der Abstecher in die Historie sei entscheidend für das Verständnis. Vor zweihundert Jahren, so der Architekt, bestand eine Siedlung aus ein paar Häusern, einem Brunnen, Bauernhöfen. „Die Siedlungsgröße, die Personenzahl, die hier leben konnte, blieb beschränkt, weil die Ressourcen die Limite setzten.“ Mit der Industrialisierung entstanden Stadtquartiere, doch erst mit der Verfügbarkeit von Erdöl entstanden massenhaft Einfamilienhäuser. „Nun, 50 Jahre später hat die Häuschenpest grosse Teile des Landes überkrustet, wertvolle Landwirtschaftsböden wurden zerstört.“ Damit nicht genug: „Mit den Häuschen auf dem Land kamen Tausende von Kilometern an Erschliessungsstrassen“.

 

Da in den kommenden Jahren die Einfamilienhäuschen auf dem Land und ihre Erschliessungsstraßen für Milliarden saniert werden müssen, sind Schochs Ausführungen brandaktuell. Vor allem stört den Architekten, dass dies unter dem Deckmäntelchen „Umweltschutz“ passiere. Schoch hat nachgerechnet am Beispiel eines „Kraftwerkhauses“ aus dem Kanton Basel-Stadt, das vor vier Jahren mit dem Solarpreis ausgezeichnet wurde. Das Haus liege in einer der zahlreichen Einfamilienhaussiedlungen, erschlossen mit einer 1,5 Kilometer langen Straße. „Auf das einzelne Haus kommen 50 Meter Straße. Im Vergleich braucht die Erschliessung in der Stadt pro Wohnung nur fünf bis zehn Meter, so Schoch. „Weil der öffentliche Verkehr wegen der geringen Frequenz unattraktiv ist, verfügen die Bewohner in der Agglomeration meistens über mehrere Autos – mit denen sie dann in die Stadt fahren und dort 50 Prozent des Verkehrs verursachen“, so Schoch. Doch nicht nur dies trage zum „CO2-Alptraum“ bei, wie ihn Harvard-Professor Glaeser nennt. „Nehmen wir an, die Energiekennzahl der Heizung dieses Kraftwerkhauses sei dank Isolation und Haustechnik Null, während die Fotovoltaikanlage 3000 Kilowattstunden pro Jahr für den Eigenbedarf produziere und 12 000 Kilowattstunden in das Netz einspeise, dann wird die Energiekennzahl mit minus 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr negativ“, so Schoch. Das sei auf den ersten Blick eine positive Nachricht, doch erst der Vergleich mit einer "Lotterbude" in der Stadt zeige, dass die Gesamtrechnung des Kraftwerkhauses unter dem Strich schlecht abschneide. „Betrachtet man nur die "Lotterbude", dann ist die Energiekennzahl von 150 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr zwar schlecht. Da in der Stadt praktisch alles zu Fuß erreichbar ist, wird die Bilanz jedoch wieder positiv.“ Die Differenz zu Ungunsten des Kraftwerkhauses betrage, wenn man den Energiebedarf von zwei Autos miteinbezieht, 120 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, so Schoch.

 

Nur kritisieren ist billig, Schoch bietet auch Lösungen, radikale Ideen, die nur umsetzbar sind, wenn alle am gleichen Strick ziehen. „Das wichtigste ist die absolute Kostenwahrheit in allen Bereichen“, sagt der Architekt. Der Besitzer des Einfamilienhauses in der Agglomeration soll nicht nur für die Sanierung seines Hauses (selbst) aufkommen, sondern sich auch anteilmäßig an den Kosten für die Erneuerung der Erschliessungsstraßen und der Infrastruktur beteiligen müssen. „Die Betonpampas werden dann freiwillig geräumt“, ist Schoch überzeugt. „Neu werden wir die Achsenerschliessung kennenlernen, die Flächenerschließung mit ihrem kostspieligen Privatverkehr wird Vergangenheit.“ Die Konsequenz: Die Schweiz würde über 500 Quadratkilometer Land gewinnen, 29 000 Gigawattstunden Energie pro Jahr einsparen und die Volkswirtschaft um jährlich 14 Milliarden Franken entlasten, hat der 70-Jährige berechnet.

 

Rolf Schoch blättert in seiner Dokumentation und zeigt, wie er sich die neue Siedlungsform vorstellt: „Wenn wir die alten sanierungsbedürftigen Einfamilienhäuser abreissen, können wir die Raumplanung ganz neu angehen.“ Am Beispiel der Berner Gemeinden Köniz, Nieder- und Oberwangen hat der Architekt dies zusammen mit Nationalrat Alec von Graffenried (Grüne/BE) und dem Architekten David Spycher getan. Der Gemeinderat habe die Ideen mit Interesse zu Kenntnis genommen, so Schoch.

 

Weit fortgeschritten ist eine Idee, die auf den ersten Blick futuristisch anmutet. Mit dem Projekt „Forest Hill“ will Schoch die sechsspurige Autobahn nördlich des Berner Länggass-Quartiers mit einer 30 Meter hohen Hauskonstruktion überbrücken. „Kein Quadratmeter Land geht verloren; wir bauen direkt über die Autobahn“, sagt Schoch. Das Gebäude basiert auf einer dreieckigen Primärstruktur, die aus zwei Pfeilern besteht. Im Dreieck werden die einzelne Plattformen eingefügt. „Diese Plattform bildet die Grundlage für das neue „Einfamilienhaus“, das individuell gestaltet werden kann.“ Gleichzeitig plant Architekt Schoch die Integration von Kleinunternehmen und Landwirtschaft. „Ja, weshalb soll der Bauernbetrieb nicht direkt bei den Konsumenten sein? Das ist die neue Urbanität, und die hat viele Vorteile“, sagt Schoch. Einerseits wirke man der Entfremdung der Nahrungsmittelproduktion entgegen, andererseits profitiere man davon, dass die Landwirtschaft (und damit das, was Städter als Natur empfinden) nun direkt vor der Haustüre stattfinde. „Das ist Urban Farming“, sagt der 70-Jährige, „das hat nichts mit einem Pro-Specia-Rara-Tomatenkistchen auf dem Balkon zu tun.“

 

Prototypen seiner Solararchitektur hat Rolf Schoch schon gebaut – zum Beispiel die Solarhäuser Innerberg, Niederscherli oder Wydacker Zollikofen – und damit den Beweis erbracht, dass das theoretische Konzept in der Praxis funktioniert. Unter Einbezug der ins Netz eingespeisten Fotovoltaikleistung kommen die Siedlungen auf eine Energiekennzahl von 4,8 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (gemessen). Zum Vergleich: Der Minergie-Standard sollte rein rechnerisch auf 42 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr kommen, gemessen wurde der Verbrauch jedoch nie.

 

Inzwischen füllt sich das Café Fédéral, Schoch, Pionier der Solararchitektur, wird nachdenklich: „Warum kommen solche Systeme nicht vermehrt zur Anwendung? Weil fast niemand die entsprechende Technik beherrscht. Ingenieure allein richten hier nichts aus, und Architekten allein ebenfalls nicht. Und das Institut für Solararchitektur an der ETH Zürich wurde vor Jahren geschlossen, seither wird in dieser Richtung nichts mehr unternommen“, sagt der 70-Jährige. Solararchitektur sei „die effizienteste Möglichkeit, Sonnenenergie für Heizzwecke zu nutzen, dazu brauchen wir nicht einmal direkte Sonneneinstrahlung, die diffuse Strahlung genügt“, definiert Schoch.

 

Auch Harvard-Professor Edward L. Glaeser wird in seinem letzten Buchkapitel nachdenklich, wenn er Jean-Jacques Rousseau mit den Worten zitiert: „Städte sind der Abgrund der menschlichen Zivilisation“. Anders als der Genfer Romantiker plädiert der im New Yorker Bezirk Manhattan aufgewachsene Glaeser aber nicht für den Weg zurück zur Natur, Glaeser sagt: „Wenn ihr die Natur liebt, dann lasst sie in Ruhe und zieht in einen Wolkenkratzer.“ Oder in den „Forest Hill“ bei Bern, ergänzt Rolf Schoch.

 

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