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Die Zahl der Völker geht dramatisch zurück – Parasiten und Insektizide setzen der Honigbiene zu
Es ist ein leiser Tod, in den die Bienen gehen. Erst im Frühjahr fällt den Imkern auf, dass ihre fleissigen Helfer nicht mehr da sind. Einige Honigbienen liegen tot im Stock, doch die grosse Mehrheit hat das Weite gesucht. «Es ist nicht so, dass die Arbeiterinnen Brut und Königin im Stich lassen; eine Palastrevolution sieht anders aus», sagt John Miller, der in zweiter Generation die Miller Honey Farms in Gackle, North Dakota, führt und Herr über eine halbe Milliarde Bienen ist. Die Bienen würden den Stock freiwillig verlassen und in den Selbsttod fliegen – «weshalb das so ist, wissen wir nicht».
«Dramatische Situation»
Auch das Jahr 2012 startet traurig. Noch hat das US-Department of Agriculture keine aktuellen Zahlen über das Bienensterben in Nordamerika veröffentlicht, doch gehen Schätzungen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Bienenvölker den Winter nicht überlebt hat. Von einer «dramatischen Situation» berichten die Imker in Japan; in Europa dürfte es nicht anders aussehen, wenn die Züchter in den nächsten Wochen den Stock zum ersten Mal öffnen. In der Schweiz, das belegen die Zahlen der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld, ist die Zahl der Bienenvölker zwischen 1985 und 2007 um 53 Prozent zurückgegangen; besonders dramatisch war der Winter 2006/07 mit einem Verlust von 22 Prozent der Völker.
Marktwert: 153 Milliarden Euro Das Bienensterben – oder Colony Collapse Disorder, wie das «Völkersterben» im Fachjargon heisst – beschäftigt mich inzwischen seit sechs Jahren; zahlreiche Forschergruppen in Nordamerika, Europa und Australien habe ich besucht, um drei Fragen zu klären: Weshalb sterben die Bienen? Was kann man dagegen unternehmen? Und was würde eine Welt ohne Bienen für uns bedeuten?
Die Biene ist eine Schwerstarbeiterin. Sie schwärmt von früh morgens bis spät abends und bestäubt 80 Prozent aller Pflanzen. Die Wirtschaftsleistung der Honigbiene wird gemäss der UN-Food and Agriculture Organization für die USA auf 14,6 Milliarden Dollar geschätzt, global geht man von einem Volumen von 153 Milliarden Euro aus, so Nicola Gallai im Fachmagazin «Ecological Economics».
«Ohne Bienen käme es zu massiven Nahrungsmittelengpässen», glaubt deshalb Achim Steiner, Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. An einer Medienkonferenz vor einem Jahr in Nairobi schlug er Alarm: «Von den wichtigsten hundert Nutzpflanzen werden mehr als siebzig durch Bienen bestäubt», so Steiner.
Die Situation ist tatsächlich bedrohlich. Doch nicht alle der 20 000 Bienenarten sind vom Colony Collapse Disorder betroffen; am schlimmsten hat es die Honigbiene Apis mellifera erwischt. Mit dem Aufstieg der Europäischen Honigbiene vor 400 Jahren beginnt ihre verhängnisvolle Geschichte. Mit den britischen und portugiesischen Eroberern wird die Honigbiene 1622 in die Neue Welt gebracht. Von der Ostküste der heutigen USA breitet sich die Biene rasend schnell aus. Den Siegeszug gegen Osten tritt Apis mellifera im frühen 19. Jahrhundert mit der Ausweitung des russischen Zarenreichs an; von den neuen Siedlern wird die Europäische Honigbiene auf den asiatischen Kontinent gebracht. Verbrieft ist auch die Einfuhr der Biene in Japan im Jahr 1876 durch Pastor Lorenzo Lorraine Langstroth (nach dem die heutigen Transportboxen benannt sind).
Varroa destructor, der grosse Feind
Die zuvor nur in Europa heimische Honigbiene wird zum ersten globalen Exportschlager. Doch damit beginnt gleichzeitig das langsame Sterben der Honigbiene. Ihr grösster Feind heisst: Varroa destructor, eine 1,6 Millimeter grosse, braunrote Milbe aus Asien, die vorzugsweise Insekten befällt. Während sich die asiatische Honigbiene Apis cerana an die Varroamilbe angepasst hat, ist die Schwester aus Europa ein gefundenes Fressen.
Dank der regen Reisetätigkeit der Siedler aus Europa und Russland gelingt es dem Blutsauger, sich im frühen 20. Jahrhundert auf der ganzen nördlichen Halbkugel auszubreiten. Und mit der Milbe reist eine ganze Reihe von Parasiten mit, welche den Bienen in den darauffolgenden Jahren das Leben zur Hölle machen wird.
Wir sind zu Besuch im Labor von Diana Cox-Foster am College of Agricultural Sciences der PennState-University an der Ostküste der USA. Die Professorin für Insektenbiologie untersucht seit vielen Jahren das Leben der Bienen und gilt als beste Kennerin der Parasiten, die Honigbienen befallen können. «Es gibt eine ganze Reihe von Viren, die Honigbienen krank machen», so Cox-Foster, die im Oktober 2007 mit einem Artikel in der Fachzeitschrift «Science» für Aufsehen sorgte. Inzwischen wurden über dreissig verschiedene Viren entdeckt, hinzukommt eine Reihe von Bakterien und Pilzen, welche die Gesundheit der Honigbiene ebenfalls angreifen. «Alles deutet darauf hin, dass das Immunsystem der Bienen durch infektiöses Material gestört wird», so Cox-Foster.
Ein wichtiger Kandidat ist das Deformed-Wing-Virus, das bereits 2006 im «Journal of Virology» beschrieben wurde. Ebenfalls im Vedacht stehen das Acute-Paralysis-Virus und das Black-Queen-Cell-Virus. Während das Paralysis-Virus zur Lähmung der Biene führt, befällt das Black-Queen-Cell-Virus die Königin. Wenig erhärtet ist der Verdacht, Bakterien könnten die Hauptschuld am Völkersterben tragen. Der Parasit Nosema apis verursacht zwar Durchfall und schwächt somit die Bienen, doch sei es «recht unwahrscheinlich», dass die Erkrankung zum Colony Collapse Disorder führe, sagt Joe DeRisi von der University of California in San Francisco. Wie Diana Cox-Foster geht der Biochemiker davon aus, dass eine Kombination verschiedener Erreger zum Völkerkollaps führt, wie er vor einem halben Jahr in einem Beitrag im Fachmagazin «PLoS One» nahelegte.
Im Grosseinsatz für die Mandel
Neben dem Team von Diana Cox-Foster gehören die Wissenschaftler aus Kalifornien zu den Pionieren bei der Erforschung der Bienenkrankheiten. Das hat einen einfachen Grund: Anfang Februar werden jeweils rund 1,5 Millionen Bienenvölker – das entspricht rund einem Drittel der gesamten US-Bienenpopulation – in grossen Trucks ins Central Valley gefahren, um dort 77 Millionen Mandelbäume zu bestäuben. «Mit dem Auftrag verdienen wir mehr als die Hälfte des Jahreslohns», sagt denn auch der 58-jährige John Miller von den Miller Honey Farms.
Laborbesuch an der San Francisco State University bei John Hafernik: 2008 brachte der Biologieprofessor von einer Exkursion einige Bienen ins Labor der Uni, die etwas ausserhalb von San Francisco liegt. «Irgendwie gingen die toten Tiere vergessen», sagt Hafernik. Dann die Überraschung: Aus den toten Bienen schlüpften Fliegen. «Offenbar wird die Biene von der Fliege mit dem Namen Apocephalus borealis parasitiert», so Hafernik. Zwar habe man die Fliegen nur in Kalifornien und South Dakota nachweisen können, berichtet der Biologe im Januar 2012 im Fachmagazin «PLoS One», dennoch könne die Fliege eine Gefahr für alle Bienenkolonien darstellen.
Am Trinity College der University of Western Australia in Perth erwartet uns die Umweltwissenschaftlerin Tiff Bates. «Australien wurde bislang vom Colony Collapse Disorder verschont», sagt die Züchterin von Bienenköniginnen, doch die Angst sei gross, dass das Völkersterben auf dem fünften Kontinent auf die ebenfalls aus Europa eingeführten Bienen überspringe. Bates vermutet, dass Pestizide eine wichtige Rolle beim Bienensterben spielen – doch dazu später.
Sexuell übertragbare Krankheit
Von einem Ausflug im Südwesten Australiens bringen wir drei Bienenköniginnen und einige Drohnen ins Labor des Bioprofessors Boris Baer. Auch der gebürtige Thurgauer bestätigt, dass die Varroamilbe eine wichtige Rolle bei der Übertragung von Parasiten spielt, Baer ist aber überzeugt, dass auch mit dem Sperma der Drohnen Krankheitserreger weitergegeben werden. Mit einer speziellen Apparatur befruchtet Baer die Königinnen, danach beobachtet er die Entwicklung der Honigbienen. «Inzwischen haben wir mehrere Belege gefunden für die These für sexuell übertragbare Krankheiten bei Bienen», so Boris Baer.
Pestizide schaden den Bienen
Neuen Nährstoff bekommt auch die These, dass Pestizide das Immunsystem der Bienen schwächen und deshalb für den Tod verantwortlich sind. Das Insektizid Penncap-M (Methylparathion) von Bayer Crop Science ist deshalb in den USA seit 1981 verboten. Nun legen Umweltwissenschaftler um Mickaël Henry vom Pariser Institut National de la Recherche Agronomique im Fachmagazin «Science» nahe, dass Insektizide aus der Familie der Neonicotinoide (Imidacloprid von Bayer Crop Science, Thiamethoxam von Syngenta) für das Völkersterben verantwortlich sein könnten.
Der Verdacht ist nicht neu, konnte aber nie einwandfrei belegt werden; oft lag das Problem daran, dass das Studiendesign schlecht angelegt war, wie im Juni 2011, als Forscher des gleichen Instituts im Magazin «PLoS One» die Insektizide Fipronil und Thiacloprid anklagten; oder dass die Auswirkungen nur in einer begrenzten Region beobachtet wurden, wie im Mai 2008, als Biologen des Julius-Kühn-Instituts in der Rheinebene in Baden-Württemberg nachwiesen, dass der Einsatz von Poncho (Clothianidin) zu Bienenvergiftungen führt; oder dass die Fragestellung zu eng gestellt war, wie 2009, als die Biologin May R. Berenbaum von der University of Illinois in Urbana-Campaign in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» beschrieb, dass Insektizide den Eiweissstoffwechsel stören.
Der Einfluss von Elektrosmog
Skeptisch hingegen beurteilen Bienenexperten zwei andere Thesen: Vor einem Jahr berichtete der Biophysiker Daniel Favre von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne im Magazin «Apidologie», dass der Mobilfunk die Kommunikation von Bienen negativ beeinflusse. «Mikrowellen könnten einen Teil der Verantwortung für das Völkersterben tragen», ist Favre überzeugt. Zwar gab es bereits im Jahr 2005 eine Studie der Universität Koblenz-Landau, die zeigte, dass die Bestrahlung mit schnurlosen Dect-Telefonen den Orientierungssinn von Honigbienen stark einschränkt (70 Prozent der Bienen fanden nicht mehr in den Stock zurück), doch war die Zahl der Versuchstiere viel zu tief angesetzt, um Aussagen zu ermöglichen. Weitere Belege für die schädlichen Auswirkungen des Mobilfunks fehlen bislang. Widerlegt scheint die These, dass transgene Pflanzen eine toxische Wirkung auf Bienen entfalten. Peggy G. Lemaux von der University of California in Berkeley geht davon aus, dass die Pollen des Bt-Maises keinen Einfluss auf das Bienensterben haben, berichtet sie im Magazin «Annual Review of Plant Biology».
Eine Verbindung zwischen Bt-Mais (Mon810 von Monsanto) und dem Völkersterben wurde 2005 in Deutschland aufgeworfen, als der Ökologe Hans-Hinrich Kaatz von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg Bienen mit Pollen fütterte und diese daraufhin anfälliger für Krankheiten wurden. Die Resultate wurden jedoch nie in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht, und zahlreiche Experimente von anderen Forschergruppen konnten keine toxischen Effekte durch die Fütterung mit Pollen oder Sirupen feststellen.
Top-Feinde: Varroa und Viren
Fazit: Mehrere Studien legen nahe, dass insbesondere Viren am Bienensterben, dem Colony Collapse Disorder, eine entscheidende Rolle spielen. Übertragen werden die Erreger einerseits durch die Varroamilbe, andererseits durch die Befruchtung der Königin. Auch wenn die Rolle der Insektizide nicht restlos geklärt ist, scheint es berechtigte Hinweise zu geben, dass die Chemikalien das Immunsystem der Honigbienen negativ beeinflussen. «Für mich ist klar, dass das weltweite Bienensterben verschiedene Ursachen hat», sagt Biologieprofessor Boris Baer von der University of Western Australia. Unklar sei hingegen, was getan werden müsse, um das Sterben zu beenden.Reichen hygienische Massnahmen, um die Ausbreitung der Virenkrankheiten einzudämmen? Oder wird es einst einen Impfstoff geben, der die Honigbiene schützt? Im Dezember 2009 scheint zumindest der Versuch von Matthias Giese vom Heidelberger Institut für Molekulare Impfstoffe erfolgreich gewesen zu sein, Bienen über eine zuckerhaltige Nährlösung ein gentechnisch hergestelltes Medikament zu verabreichen. Oder braucht es ein Umdenken in der Landwirtschaft, die immer stärker auf Monokulturen setzt und diese deshalb mit Pestiziden schützen muss? Und: Brauchen Bienen artenreiche Brachen für eine ausgewogene Ernährung?
Mehr Vielfalt bei der Zucht
Auch über die Auswirkungen des Bienensterbens gehen die Meinungen auseinander: «Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr», soll einst der Physiker Albert Einstein gesagt haben.Als Jerry Bromenshenk, ehemaliger Bienenforscher der University of Montana und heutiger CEO von Bee Alert Technology in Missoula, die Herkunft des Zitates validieren wollte, teilte ihm das Einstein-Institut in Jerusalem mit, dass die Worte nicht von Einstein stammen. Jerry Bromenshenk ist überzeugt, dass eine Welt ohne Bienen für die hochtechnisierte Landwirtschaft massive Gewinneinbrüche verursachen würde, an einen Untergang der Gesellschaft glaubt er hingegen nicht:
«Die Europäer haben die Honigbiene nach Amerika gebracht. Doch es gab schon vorher Pflanzen in den USA, die von anderen Insekten bestäubt wurden.
»Auch Roy Hendrickson von der Ohio State Beekeepers Association glaubt nicht an den Untergang, gibt aber zu bedenken, dass man in der Vergangenheit einseitig auf die Europäische Honigbiene gesetzt und den genetischen Pool durch Inzucht verkleinert habe. In der Februarausgabe des Magazins «Bee Culture» plädiert er deshalb für eine grössere genetische Vielfalt bei der Bienenzucht, damit es auch weiterhin eine Welt mit Bienen gibt.
Dieser Artikel wurde zuerst in der Basler Zeitung vom 15. April 2012 veröffentlicht
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