Der Weltklimarat - die unbequeme Wahrheit PDF Drucken E-Mail
22.12.2011
Von Aktivisten unterwandert, Doktoranden als Autoren: Weltklimarat unter Beschuss

 

Autorenbeitrag von Michael Breu

 

Während in Südafrika 20 000 Aktivisten, Funktionäre und Politiker am Weltklimagipfel über die Weiterführung des Kyoto-Protokolls zur Reduktion der Treibhausgase diskutieren, hält sich die oberste – mit dem Nobelpreis ausgezeichnete – Leitung bedeckt. Würde man Rajendra Pachauri nämlich ernst nehmen, müsste man den Sachstandsbericht – die wissenschaftliche Grundlage des Weltklimarates IPCC – «in den Abfalleimer werfen». Dieses Vorgehen hat der studierte Eisenbahningenieur vor zwei Jahren bei einer Medienkonferenz empfohlen, vorausgesetzt, man könne nachweisen, dass es IPCC-Studien gibt, die nicht in hochrangigen, von unabhängigen Fachexperten begutachteten Journalen erschienen sind.

 

Genau das hat die kanadische Enthüllungsjournalistin Donna Laframboise getan und im Buch «The Delinquent Teenager» beschrieben. IPCC-Chef Pachauri schweigt – wie immer, wenn die Wahrheit unbequem wird.

 

Dabei standen die Sterne für Rajendra Pachauri gut. Vor zehn Jahren wird der Inder Generaldirektor des zur Industriegruppe Tata gehörenden, privat finanzierten «The Energy and Resources Institute» (Teri) in New Delhi, und ein Jahr später übernimmt er den Vorsitz des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). 2007 scheint er endgültig auf dem Gipfel des Erfolges angekommen zu sein; zusammen mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore erhält der Klimaaktivist den Friedensnobelpreis, und die Redaktion des Wissenschaftsmagazins «Nature» kürt Pachauri zum «Nachrichtenmacher des Jahres», da es ihm gelungen sei, «durch Publikationen und Interventionen eine Verwässerung der wissenschaftlichen Resultate bezüglich des Weltklimas zu verhindern».

 

Zweifelhafte Aussagen


Für den Nachrichtenmacher beginnt nur zwei Jahre später der Niedergang in Etappen. Im November 2009 wird der Mailserver der britischen University of East Anglia gehackt. In den Mails, die daraufhin in den führenden Tageszeitungen zitiert werden, ist die Rede von Datenmanipulation und Absprachen zur Bedrängung von IPCC-Kritikern. Etwas später belegen Journalisten, dass im vierten Sachstandsbericht eine Studie zitiert wird, die einzig auf der Interviewaussage eines Mitarbeiters von Pachauri beruhte. Der Studie zufolge würden die Gletscher des Himalaya bis 2035 abschmelzen. Und fast zeitgleich wird bekannt, dass der IPCC-Chef bei der Präsentation des Sachstandsberichts im spanischen Valencia mit einer wissenschaftlich unbelegten IPCC-Studie vor dem drohenden Klimakollaps in Afrika warnte. Den daraufhin geäusserten Rücktrittsforderungen begegnet Pachauri mit dem Zugeständnis, den Weltklimarat durch das InterAcademy Council (IAC) untersuchen zu lassen.

 

An diesem Punkt starten die Recherchen von Donna Laframboise. Zwei Aussagen im IAC-Bericht hätten ihre Aufmerksamkeit besonders erregt, sagt die Journalistin im BaZ-Gespräch: «Im Report werden die anonymisierten Aussagen einer IPCC-Umfrage zusammengefasst. Auf Seite 138 des Berichts sagt eine befragte Person, dass die Hälfte der Hauptautoren nicht kompetent sei, und auf Seite 554 heisst es, dass die Mehrheit der IPCC-Entscheide eher politisch denn wissenschaftlich motiviert ist.»

 

Umweltaktivisten als Autoren

 

Was Donna Laframboise nun in ihrem Buch nachweist, wirft ein schlechtes Licht auf den Bericht des Weltklimarates, der nach eigenen Aussagen von den weltweit führenden Wissenschaftlern geschrieben sein soll.

 

Beispiel Richard Klein. Mit 23 Jahren schliesst der Holländer seine Masterarbeit in Geografie ab, anschliessend arbeitet er als Campaigner bei Greenpeace. Bereits zwei Jahre später schreibt er erstmals als Autor für den IPCC. Sechs Jahre vor Abschluss seiner Doktorarbeit gehört Klein, der heute am Stockholm Environment Institute tätig ist, zum engsten Kreis der Hauptautoren. «Wenn ich diesen Lebenslauf ansehe, frage ich mich, ob Richard Klein zu den weltweit besten und erfahrensten Wissenschaftlern zählt», sagt Laframboise.

 

Krasser sei der Fall von Laurens Bouwer, der an der Universität Amsterdam Umweltwissenschaften studierte und bereits zwei Jahre vor Abschluss seiner Masterarbeit zum Autorenteam des Weltklimarates stösst. «Bouwer war zu diesem Zeitpunkt Praktikant bei der Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft. Für das IPCC reichte diese Qualifikation offenbar aus, um ihn als Hauptautor zu beauftragen», kommentiert Laframboise.

 

Ein drittes Beispiel ist Sari Kovats von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, die seit 1994 für das IPCC arbeitet und als Autorin am wichtigsten Kapitel im IPCC-Bericht mitschrieb. «Kovats absolvierte ihr Doktorat aber erst vor einem Jahr; sie kann also gar nicht zu den führenden Wissenschaftlerinnen zählen, wie das IPCC immer behauptet», so Laframboise.

 

Besonders störend findet die kanadische Journalistin, dass neben Master-Studenten und Doktoranden auch Vertreter von Umweltorganisationen am IPCC-Bericht mitwirken. Bill Hare und Malte Meinshausen schrieben gemeinsam an einem Kapitel über das Kyoto-Protokoll, beide waren am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung tätig, und zusammen haben sie die Klimagruppe von Greenpeace geleitet. Auch der Meeresbiologe Ove Hoegh-Guldberg von der University of Queensland gehört zu den Hauptautoren des IPCC; zwischen 1994 und 2000 hat er aber auch vier Berichte über sterbende Korallenriffe für Greenpeace und zwei Studien für den WWF verfasst. Richard Moss ist Vizepräsident des WWF USA – und beim IPCC seit zwanzig Jahren in leitender Position. Neu an Board des IPCC ist Jennifer Morgan, die am fünften Sachstandsbericht mitschreibt, der 2013 erscheinen soll. Morgan ist heute beim World Resources Institute für die Klimapolitik verantwortlich, davor war sie beim Climate Action Network und beim WWF. «Der World Wildlife Fund ist im Weltklimarat äusserst aktiv», so Laframboise. Alleine das «Climate Witness Science Advisory Panel» des WWF International liste 78 Wissenschaftler auf, die beim IPCC eine wichtige Funktion einnähmen; aus der Schweiz sind dies Christian Körner (Uni Basel) und Andreas Fischlin (ETH Zürich)

 

Vernichtend ist die Analyse der Literaturquellen im IPCC-Bericht. 18 531 Einträge hat Donna Laframboise unter die Lupe genommen, 5 587 stammten aus Publikationen, die nicht von unabhängigen Experten begutachtet wurden und deshalb als «graue Literatur» bezeichnet werden. «Das sind 30 Prozent aller Publikationen», gibt Laframboise zu bedenken. In 21 von 44 Fällen sei die Quote sogar so schlecht gewesen, dass man dem IPCC für das Kapitel die Note eins geben müsse. Zur «grauen Literatur» zählen Studien von Umweltorganisationen, Artikel aus Magazinen oder Pressemitteilungen von Universitäten.

 

Keine Fachliteratur

 

Im IPCC-Bericht seien aber auch Studien enthalten, die nach Redaktionsschluss eingereicht wurden und von den IPCC-Experten gar nicht mehr begutachtet werden konnten. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Bericht des britischen Ökonomen Nicholas Baron Stern of Brentford über die wirtschaftlichen Folgen der Klimaerwärmung. Beim Durchforsten fand Donna Laframboise immerhin 26 Referenzen in zwölf verschiedenen Kapiteln, die den «Stern Report» zitierten.

 

Die Kanadierin steht mit ihrer Kritik nicht alleine da. Roger Pielke Jr. ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Colorado. Wie Laframboise hat auch er nach der Veröffentlichung des IAC-Reports den IPCC-Bericht unter die Lupe genommen. Im Fachmagazin «Climatic Change» schreibt er, dass 28 Prozent der im Sachstandsbericht geäusserten Prognosen eine falsche statistische Grundlage besässen. Und in einem Buch hat er kürzlich dargelegt, dass der Weltklimarat für politisch motivierte Interessen missbraucht werde.

 

Auch der Bericht des InterAcademy Council unter Leitung von Harold Shapiro von der Princeton University stellt dem IPCC ein mäßiges Zeugnis aus und regt «grundlegende Reformen der Managementstruktur» an. IPCC-Chef Pachauri nimmt es gelassen; für den nächsten Bericht könne man das Personal sowieso nicht mehr auswechseln, und wegen «einem einzigen Fehler im 3000-seitigen Report» sei die Glaubwürdigkeit des Weltklimarats nicht infrage gestellt.

 

Zuerst veröffentlicht in der Basler Zeitung am 30.11.2011

 

 

Lesen Sie zum Thema auch das Interview, das Ökowatch mit der Autorin Donna Laframboise führte:

"Der Weltklimarat: Ein auf die schiefe Bahn geratener Teenager"

 

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