Ökowatch im Fernsehen - das NDR-Medienmagazin "Zapp" wartet mit einem Lehrbeispiel für politisierten Journalismus auf (Teil III) PDF Drucken E-Mail
18.10.2011

 

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Am 28. September 2011 war Ökowatch überraschend Thema eines Fernsehbeitrags des Medienmagazins "Zapp" im Norddeutschen Rundfunk (3. Wiederholung: 21. Oktober 2011, 1.35 Uhr).

 

"Maskiert - die Nähe zwischen Blogs und Parteipolitik" betitelte das Magazin den Beitrag, in dem unter anderem eine Verbindung zwischen Ökowatch und der Friedrich-Naumann-Stiftung konstruiert werden soll, die - um es gleich vorwegzunehmen - nicht existiert.

 

Am 6. Oktober 2011 wurden in einem Artikel bei Ökowatch den Aussagen im Film einige Fakten gegenübergestellt.

 

Am 13. Oktober fragte Ökowatch: Mit welchen Instrumenten arbeitet die Zapp-Redaktion im Beitrag, um aus der nicht vorhandenen Realität das gewünschte Ergebnis ableiten zu können?

 

Heute fahren wir in Teil III unseres Beitrags mit der Analyse fort und schließen mit einer These zur Entstehung des Fernsehbeitrags.

 


 

8. Missachtung von Kontext und Relation

 

An mehreren Stellen im Beitrag wird das Prinzip mit Füßen getreten, die Wichtigkeit, Verhältnismäßigkeit und den Kontext eines betrachteten Punktes nicht außer acht zu lassen. Einzelpunkte werden für repräsentativ erklärt und mit einer Absicht unterlegt:

  • Steffen Hentrich wird als Autor herangezogen, um eine Verbindung zur Friedrich-Naumann-Stiftung herzustellen. Nicht erklärt wird, weshalb gerade Steffen Hentrich mit seinem Arbeitgeber Friedrich-Naumann-Stiftung repräsentativ für Ökowatch sein soll und nicht einer der 11 weiteren auf der Seite aufgeführten Autoren, die andere Jobs haben und mit denen man z.B. eine Verbindung zu einer Bundesbehörde hätte konstruieren können.
  • Es wird moniert, dass im Autorenprofil von Steffen Hentrich keine Angabe zur Friedrich-Naumann-Stiftung stand. Nicht erwähnt wird, dass auch die Profile anderer Autoren noch nicht oder in unterschiedlichem Maße gefüllt waren. Zusätzlich wird bei der Aussage an dieser Stelle nicht berücksichtigt, dass die entsprechenden Artikel von Steffen Hentrich sogar zum Blog seines Arbeitgebers verlinkt sind, so dass selbst für oberflächliche Leser die Verbindung von Steffen Hentrich zur Naumann-Stiftung deutlich wird, selbst demjenigen, der keine Suchmaschine bedienen kann.
  • Die Tatsache, dass die Unterstützerseite noch nicht gefüllt ist, wird zu einer Absicht umformuliert, dass Unterstützer nicht genannt werden sollen. Die Möglichkeit, dass es noch keine aufzulistenden Unterstützer gibt, wird nicht in Betracht gezogen oder bewusst umgekehrt.
  • Bei der Einordnung des Blogs antibuerokratieteam.net wird im Zapp-Beitrag von "FDP-nahen Größen" gesprochen, die dort als Autoren aktiv sein sollen. Beim Lesen der Liste bleibt man jedoch ratlos zurück, was die Grundlage dieser Aussage sein soll. Der einzige Name, der bekannt erscheint und von der angegebenen Tätigkeit die Kombination von "FDP" und "Größe" noch zutreffend erscheinen lässt, ist der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler, der derzeit mit einer Mitgliederbefragung in der FDP in den Medien präsent ist.

 

 

9. Schnitt und Kameraführung

 

Der Schnitt des Beitrags baut eine Geschichte auf und sucht sich einzelne Elemente heraus, die zu dieser Geschichte passen (siehe auch die Literaturhinweise zu dieser Technik). Dazu passt die vorhergenannte Methode, nicht repräsentative Einzelelemente herauszupicken ("Steffen Hentrich arbeitet bei der Naumann-Stiftung" statt: "90% der Ökowatch-Autoren haben einen anderen Arbeitgeber") und zum bestimmenden Element zu erklären. Gleichzeitig werden einfache Techniken verwendet, die schon auf der Journalistenschule als manipulativ gelehrt werden - sehen Sie sich als Beispiel z.B. die Aufnahme des Gebäudes der Friedrich-Naumann-Stiftung zu Beginn des Beitrags an. Das Gebäude ist nicht aus der üblichen Perspektive aufgenommen, wie z.B. ein Besucher das Gebäude sehen würde, sondern von unten, so dass es über dem Betrachter zu stehen und diesen zu dominieren scheint. Achten Sie auf das Gefälle der Wiese, die unten im Bild erscheint, und Sie wissen sofort, mit welcher Absicht gefilmt wurde. Diese Technik ist z.B. geeignet, um gefilmten Personen Dominanz und Bedrohlichkeit zuzuschreiben.

 

 

10. Expertenillusion

 

Die Heranziehung eines "Experten" zur Bestätigung der eigenen These ist inzwischen Alltag im deutschen Fernsehen. In diese Kategorie fällt im Beitrag wohl auch der Auftritt des "freien Journalisten Christian Fuchs", der ein intimer Kenner von Ökowatch zu sein scheint. Bei Ökowatch ist Fuchs bisher allerdings weder als Experte noch als Leser oder Kommentator in Erscheinung getreten. Wir wissen nicht, wie er in diesen Beitrag geraten ist und was ihn für seine Einschätzung qualifiziert. Nach seinen Aussagen im Beitrag zu urteilen, muss Fuchs aber entweder schon vorher unerkannt in das Vorspiel zwischen dem Blogger Christian Sickendieck und den Stiftungen involviert gewesen sein, das zum Zapp-Beitrag führte und zwischen deren Fronten Ökowatch geraten ist, oder persönliche Verbindungen zur Redaktion und/oder Honorar qualifizierten ihn im Nachhinein für die Expertenrolle. Seine Antworten auf die im Beitrag nicht gesendeten Fragen lassen beide Varianten als plausibel erscheinen, und beide sprächen nicht für die Seriosität der Produktion des Beitrags.

 

Ein solcher "Experte" kann jedoch eine hilfreiche Rolle ausfüllen: Er formuliert gewünschte Aussagen, die für die Redaktion mit Fakten nicht belegbar sind, als eigene Meinung und reduziert dadurch das Risiko der rechtlichen Handhabe gegen gesendete Inhalte.

 

 

Eine These zur Entstehung des Zapp-Beitrags

 

Objektiver Journalismus versucht, dem Zuschauer ein Bild der Realität zu vermitteln und ordnet vorhandene Informationen adäquat in den Kontext ein. Tendenziöser Journalismus verfolgt ein Ziel und ordnet die Bewertung vorhandener Informationen diesem Ziel unter.

 

Erich Dworak, Lektor am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Universitäten Wien und Salzburg, schreibt dazu:

 

"Der Giftschrank der manipulativen Techniken steht heutzutage für jeden Journalisten weit offen. Film- und Fernseh-Hochschulen und -Akademien lehren das, was die Wirkungs- und Rezeptionsforscher in den kommunikationswissenschaftlichen Instituten in jahrelangen empirischen Versuchsreihen entdecken. Nach wie vor hängt es vom ethisch-moralischen Verantwortungsbewußtsein des Berichterstattenden (und dessen Ausbildung) ab, ob und wie er Gebrauch von diesen Mitteln macht, deren Gefahr an jene eines unkontrollierten Atomkrafteinsatzes heranreicht. Kann doch ein im Fernsehen auftretender Politiker ohne größere Schwierigkeiten mit den Mitteln dieses Mediums „aufgewertet oder abgeschossen“ werden, ohne daß es ihm während der Aufnahme selbst zum Bewußtsein kommt. (Eine entsprechende Auflistung der in Frage kommenden Mittel existiert und wird gelehrt!) Aber auch von der Mündigkeit und dem Wissen der RezipientInnen wird es abhängen, wie weit das Ton-Bild der Realität mit der Wirklichkeit zur Deckung gebracht werden kann."

 

Uns interessiert die Frage, weshalb dieser Beitrag auf diese Weise entstanden ist und entstehen konnte. Wir vermuten vier Faktoren, die in Kombination die Qualität und den Inhalt des Beitrags von Zapp geprägt haben:


1. Sendedruck

 

Jede Redaktion benötigt Material, um das vorhandene Format mit festem Sendezeitpunkt füllen zu können. Stehen Themen oder Material nicht in ausreichender Qualität zur Verfügung, versucht man, aus dem Vorhandenen und Angebotenen "das Beste" zu machen.


2. Persönliche Verbindungen

 

Eine persönliche Verbindung zwischen dem Journalisten Christian Sickendieck (siehe Linkhinweise zur Vorgeschichte des Fernsehbeitrags) und der Redaktion von Zapp erscheint als Arbeitsthese naheliegend, um erklären zu können, wie schnell das Thema des Fernsehbeitrags mit ungeprüften Aussagen ins Programm gehievt wurde. Zumindest scheint Christian Sickendieck auch an anderer Stelle mit Zapp zusammenzuarbeiten.


3. Unterstützung der gewünschten These des Beitrags

 

Beim aufgegriffenen Thema hätte die These der Verbindungen der Friedrich-Naumann-Stiftung in die "Bloggerszene" mit dem Blog antibuerokratieteam.net alleine wohl zu wenig hergegeben. Ökowatch bot sich als zusätzlicher Beleg wohl an, weil die Redaktion durch eine Internetrecherche dort einen Mitarbeiter der Stiftung als Autor ausfindig machen konnte (was übrigens die These der Redaktion nochmals widerlegen würde, dass "die Verbindung" nicht transparent ersichtlich ist).


4. Persönliche Überzeugungen

 

Um diesen Beitrag trotz aller handwerklicher Mängel ohne Bauchschmerzen zu senden, scheint es plausibel, dass die vorgestellten Aussagen ins Weltbild der Redaktion passen. Von Redakteurin Sinje Stadtlich ist bei der ARD eine Übersicht zum Thema "Der Klimawandel im Netz" zu finden. Diese beginnt mit dem Satz:


"Die Gletscher schmelzen, die Meeresspiegel steigen, die Sommer werden heißer: Der Klimawandel lässt sich nicht mehr ignorieren."

 

Entsprechend findet sich in der Folge auch kein umfassender Überblick über relevante Seiten zum Thema Klimawandel im Netz, sondern eine Auflistung aller Organisationen und Seiten, die diese Eingangsfeststellung bestätigen. Vielleicht kann bei dieser Sichtweise eine Seite wie Ökowatch, die solche Dogmen in Frage stellt, nicht mehr als ein abhängiger Akteur sein, der sich der Rettung der Welt vor dem drohenden Kollaps in den Weg stellt.

 

 

Ökowatch wird dem NDR und der Redaktion von Zapp entlang der vorgestellten These einen Fragenkatalog zur Sendung vorlegen und die Fragen und Antworten demnächst an dieser Stelle veröffentlichen.

 

 



Links zur Sendung

 

 

Weitere Links zum Thema

 

 

Links zur Vorgeschichte des Fernsehbeitrags

 

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