| Anmerkungen zum "Atom-Expertentum" |
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| 13.03.2011 |
Leserbeitrag von Ralf Sträter
In Japan hat die Erde gebebt, anschließend verwüstete eine riesige Welle die Pazifikküste des Landes. Viele Menschen starben, noch mehr Menschen verloren ihre Wohnungen. Mir tun die Menschen leid, die jetzt mit dem Wiederaufbau ihrer Existenz beschäftigt sind, die frieren und Hunger haben wegen der zusammengebrochenen Infrastruktur ihrer hochentwickelten Heimat. Jedoch gibt es - für die deutschen Medien - scheinbar Wichtigeres. Denn durch die Naturkatastrophe wurden zwei Kernkraftwerksblöcke beschädigt, japanische Fachleute sind aktuell dabei, Schlimmes zu verhindern. Augenscheinlich haben die deutschen Medien nichts besseres zu tun, als "Atom-Experten" zu befragen. Was ist ein "Atom-Experte"? "Atom-Experten" arbeiten z.B. am Darmstädter "Öko-Institut", wahlweise auch bei Greenpeace, nicht unbedingt erforderlich scheint zu sein, sich mit Kraftwerken und deren Physik auseinandergesetzt zu haben. Als ich gestern den Fernseher anschaltete, strahlte mir auf N24 Atom-Experte Michael Sailer entgegen, Chemieingenieur vom Darmstädter Öko-Institut und Atom-Experte aus Leidenschaft. Im Interview ergab sich - aus dem Gedächtnis wiedergegeben - folgendes:
Journalist: Im Kraftwerkskontrollraum wurde eine um das eintausendfache erhöhte Strahlenbelastung festgestellt, ist es noch verantwortlich, da Leute zu lassen?
Experte: Es ist wohl der Zwang, um Schlimmeres zu verhindern, eintausendfach ist schon viel, aber nicht tödlich.
Ein wahrer "Atom-Experte" weiß selbstverständlich, daß eintausendfach viel ist, mehr zumindest als einhundertfach. Die Zahl in irgendwelche Relationen zu setzen, um dem Publikum, das eben nicht "Atom-Experte" ist, eine Einordnung zu ermöglichen, wurde versäumt, vermutlich weil man sich als "Atom-Experte" in dem ganzen Einheitenbrei nicht so auskennt und da viel wichtiger ist, daß eintausenfach 'schon ne Menge aber nicht tödlich' ist. Ich versuche das jetzt mal mit den Zahlen und versuche ohne "Atom-Experte" zu sein, die Zahlen in eine Relation zu bringen.
Im Normalbetrieb wird man im Kraftwerkskontrollraum etwa einer Strahlenbelastung von 0,23µSv/h ausgesetzt - außerhalb des Kontrollraums, wenn man in der kernkraftwerksfreien Landschaft spazieren geht, auch. Eintausendfach heißt für mich, daß die Strahlung im Kraftwerkskontrollraum 0,23mSv&h oder auf eine 8 Stunden Schicht bezogen 1,83 mSv beträgt. Dies alles sagt erstmal nicht so viel. Welcher Strahlenbelastung ist jemand ausgesetzt, bei dem ein Bänderriß vermutet wird und bei dem daher eine Computertomographie durchgeführt wird? Es sind etwa 20mSv. Die Kraftwerksmitarbeiter würden sich, wenn sie sich 88 Stunden oder 11 Schichten der 'gefährlichen aber nicht tödlichen' Strahlendosis im Leitstand aussetzen, die gleiche Dosis abbekommen die eine 'nützliche heilsbringende' Computertomographie so hergibt.
Erstaunlicherweise sagt kein "Atom-Experte" Dinge, die irgendwas Konkretes hergeben können. Mich würde interessieren, wann der Spuk vorüber ist. Die Kraftwerke haben ja aktuell das nicht unerhebliche Problem, die Nachzerfallswärme abzuführen. Die Kraftwerke sind abgeschaltet, eine Kettenreaktion findet nicht mehr statt. Obwohl die "Atom-Experten" von ARD und ZDF durch Hervorkramen der alten Tschernobyl-Dokumentationen etwas anderes sugerieren wollen, ist im übrigen das ganze Szenario ein anderes, denn in Tschernobyl trat beim Abschalten ein schrecklicher Konstruktionsfehler zu Tage, der für kurze Zeit eine unkontrollierte Kettenreaktion zur Folge hatte. Mit der Nachzerfallswärme ist es etwas anderes. Sie ist erstmal viel weniger, aber noch besser, man kann sie, wenn man einige Daten des Kraftwerks kennt, recht einfach durch die von Way und Wigner aufgestellte Näherungsformel abschätzen. Auch die Wärmeleitfähigkeit des Containments kennt man, selbstverständlich ebenso den Schmelzpunkt der Brennstäbe und - wichtiger noch - den des Containments. "Atom-Experten" selbstverständlich rechnen nicht. In keiner Publikation konnte man etwas dazu lesen, wann es denn vorüber ist.
Statt dessen sieht man sinnlose Vergleiche und ebenso einen russischen Atom-Experten von Greenpeace Russland, der inhaltsschwanger berichtet "Ich fühle mich stark an Tschernobyl erinnert" und es hierdurch schafft, mit nur einem Satz dem Faß den Boden auszuschlagen. Ich nicht, ich bin häufig in der Ukraine und habe dort Freunde, allerdings in einer anderen Region, die Ukraine ist groß. Mir wurde von meinen Freunden glaubhaft versichert, daß es nicht direkt Sondersendungen gab. Die Sowjetunion begann drei Tage nach dem Unfall zu evakuieren - da ließ sich der Mist nicht mehr unter den Teppich fegen - in Japan begann man noch, ehe es überhaupt zur Freisetzung von strahlendem Material kam. Das fällt einem Greenpeace-"Atom-Experten" natürlich genausowenig auf wie die komplett unterschiedlichen Unfallhergänge und die gravierenden konstruktiven Unterschiede der Reaktoren.
Abschließend muß ich nochmals hervorheben, wie sehr ich die japanische Bevölkerung für das Unglück durch die Naturkatastrophe bedauere. "Atom-Experten" machen das nicht, die wittern das politische Geschäft ihres Lebens.
Leserbeiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Ökowatch ist es nicht in jedem Falle möglich, die getätigten Aussagen zu prüfen. |








Kommentare
Du sprichst mir damit genau aus der Seele!!!
Ich habe das fernsehen im Moment aufgegeben. Es wird tatsächlich nur über das Reaktorunglück berichtet und nur so oberflächlich behandelt dass man überhaupt nicht mehr durchblickt.
So etwas kann man sich nicht länger anschauen, ebenso wie ich auch diese ganzen Demonstrationen von Grünen und Linken nicht mehr sehen kann. Mir war klar dass in Deutschland eine Debatte losbrechen wird, nachdem erste Störfälle aus den Reaktoren in Japan bekannt wurden, aber dass das so heftig wird hätte ich nie für möglich gehalten.
Naja was solls zum Glück gibt es ja noch das Internet wo man sich seine Informationen selbst raussuchen kann und nicht auf irgendwelche Nachrichtensender angewiesen ist.
Zum Schluss nochmal vielen Dank für deinen Leserbeitrag, der ist echt klasse!
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