| Ökostadt Masdar - Der Wurm steckt im grünen Projekt |
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| 18.12.2011 |
Die Ökostadt Masdar befindet sich in der Krise – Schweizer Projekt in Abu Dhabi ist in Gefahr
Autorenbeitrag von Michael Breu
In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob an Silvester 2012 an der Dufourstrasse in Zürich die Korken knallen. Bis Januar hat der dort ansässige Verein Swiss Village Abu Dhabi Association nämlich Zeit, Mieter für 4722 Quadratmeter Büro- und Wohnfläche zu finden. Nicht hier in der Schweiz, sondern in der Ökostadt Masdar, die ausserhalb von Abu Dhabi entstehen soll. Bereits im Juni hat das Bundesamt für Bauten und Logistik entschieden, für die Schweizer Botschaft 1285 Quadratmeter zu reservieren, im Oktober wurde ein Vorvertrag unterzeichnet (siehe Interview), und Mitte November waren die Initiatoren des Swiss Village bei einer Werbetour durch Zürich und Genf noch zuversichtlich, dass mehrere Unternehmer an einem Sitz im grössten Emirat interessiert sein würden. Aktuell sieht die Situation nicht besonders rosig aus. Das bestätigt Nick Beglinger, Präsident des Vereins und oberster Förderer von grünen Technologien in unserem Land. Spätestens im Februar 2012 werde sich herauskristallisieren, ob die Swiss Village Abu Dhabi Association noch eine Zukunft haben wird.
Mit grossem Brimborium lanciert
Auch in Abu Dhabi steckt das Projekt zwei Jahre nach Baubeginn tief in der Krise. 2006 wurde Masdar von Sheikh Mohammed Bin Zayed al-Nahyan, dem Kronprinzen von Abu Dhabi, mit grossem Brimborium lanciert. Ziel sei eine Stadt für 50 000 Einwohner und rund 1500 Unternehmen aus dem Ökologiesektor; die Stadt produziere ihre Energie selbst, Abfälle führe man im Kreislauf, jegliche CO2-Emissionen würden kompensiert, und Autos ersetze man durch Elektromobile. Auf dem Reissbrett wolle er «die erste Ökostadt der Welt» konzipieren, liess der britische Stararchitekt Sir Norman Foster verlauten, der mit den baulichen Aufgaben betraut wurde. Und vorauseilend verlieh der World Wide Fund for Nature (WWF) dem Projekt das Nachhaltigkeitslabel One Living Planet. Kritiker, wie etwa der ETH-Professor Hansjürg Leibundgut, der Masdar als «Sandkastenspiel» bezeichnete, wurden nicht gehört.
Inzwischen ist der Traum von der Ökostadt geplatzt. Offiziell heisst es seit einem Jahr, dass die Finanzkrise und die gesammelten Bauerfahrungen zur Anpassung des Masterplanes geführt hätten. Doch der Wurm steckt tiefer im Projekt. Erst hatte Masdar Probleme mit der Stromversorgung. Auf die bereits geplanten Windräder musste man verzichten, da sie den Betrieb des nahen Flughafens gestört hätten. Das Solarthermiekraftwerk funktionierte aus unerfindlichen Gründen nicht, und die Neun-MW-Fotovoltaikanlage wird täglich von einem hartnäckigen, rötlichen Sandstaub bedeckt, was die Energieausbeute auf ein Minimum reduziert. Die Lösung ist für die Stadt der Zukunft nicht gerade aus dem Hightech-Sektor: Täglich schrubben Hilfsarbeiter aus Bangladesch die Fotozellen mit einem Handbesen.
Von Recycling keine Rede
Die riesige Abfallhalde am Rande der Ökostadt ist in den letzten zwei Jahren tatsächlich etwas kleiner geworden. Doch von Wiederverwertung kann keine Rede sein; viele Abfälle würden in die nahe Deponie Al Dhafra ausgelagert, was mehrere Arbeiter auf der Masdar-Baustelle bestätigen. Und dem Label «autofrei» straft die grosse Parkgarage Lüge, die über die Zufahrt direkt erreicht wird. Hier stehen ausschliesslich weisse Luxuslimousinen und geländetaugliche SUVs. Wenigstens ein Bio-Supermarkt hat es in die Ökostadt geschafft, die nicht wie geplant 2016 fertig wird, sondern frühestens 2025. Die Lebensmittel stammen tatsächlich aus ökologischer Produktion; doch die nicht regulierbare Klimaanlage kühlt das Verkaufslokal so stark, dass die Türe stets einen Spalt geöffnet bleibt. «So sieht Öko nicht aus», sagen einige Studenten des Masdar Institute of Science and Technology, die seit Kurzem im gleichen Gebäude in ihren Laboren forschen. Nach den aktuellen Plänen ist das Swiss Village in unmittelbarer Nachbarschaft zum Masdar Institut geplant. Doch so sicher ist das auch wieder nicht. «Masdar hat die Pläne schon mehrfach geändert», kritisiert Nick Beglinger. Oft sei dafür ein Personalwechsel in der Betreibergesellschaft Mubadala verantwortlich gewesen.
Solche Wechsel dürften in Zukunft weiter zunehmen. Eben hat Masdar angekündigt, die Zahl der Beschäftigten nochmals um neun Prozent zu reduzieren, gleichzeitig läuft ein grosses Emiratisierungsprogramm, das Schlüsselstellen vor allem mit Einheimischen besetzen will.Wie es weitergeht? Mehrere Anfragen wurden von den Masdar-Verantwortlichen nicht beantwortet. Bei der Swiss Village Abu Dhabi Association gibt man nicht auf – noch nicht. Aber die Motivation habe deutlich nachgelassen, heisst es.
«Ökostadt könnte auch für die Wissenschaft von Interesse sein»
Masdar soll für alle sichtbar werden, findet Wolfgang-Amadeus Bruelhart, Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten Wolfgang-Amadeus Bruelhart gehört zu den Initiatoren des Swiss Village in der Ökostadt Masdar. Seit 2007 ist der Freiburger Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nach dem Jus-Studium war Bruelhart im Generalsekretariat der CVP Schweiz verantwortlich für Studien und Planung; zwischen 1992 und 1995 war er persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Flavio Cotti, 1996 wurde er Botschaftsrat an der Schweizer Botschaft in Sarajevo. Drei Jahre später wechselte er zur Schweizer Botschaft in London, wo er als Kulturrat arbeitete. Von 2003 bis 2007 war er Chef der Sektion Menschenrechtspolitik beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Herr Bruelhart, was finden Sie an Masdar so spannend?
Masdar ist die Vision für eine Öko-Stadt, die weltweit für viel Aufsehen sorgt und das Interesse vieler Staaten auf sich zieht. Aufgrund der Finanzkrise und der angespannten Situation im Immobiliensektor von Abu Dhabi und Dubai hat Masdar den ursprünglichen Masterplan stark redimensioniert und Abstriche gemacht. Das Projekt in seiner abgespeckten Form hat aber immer noch viel Potenzial für den Bau von nachhaltigeren Städten oder Quartieren.
Und weshalb soll die Schweiz in dieser Ökostadt mitmachen?
Masdar ist ein Labor für neue Entwicklungen im nachhaltigen Städtebau. Es könnte deshalb auch von Interesse für die Schweizer Wissenschaft und Wirtschaft sein, ihre Forschungsprojekte und Produkte in einem solchen Umfeld zu testen – und dabei zu sein. 2013, wenn die zweite Bauetappe von Masdar abgeschlossen sein wird, plant auch die Schweizer Botschaft den Umzug in das Swiss Village.
Was ist das Ziel?
Die Schweizerische Eidgenossenschaft und Masdar haben im Oktober 2011 einen Vorvertrag mit detaillierten Vertragseckdaten für die Botschaft und die Residenz im noch zu bauenden «Swiss Sprinter Building» in Masdar unterzeichnet. In diesem Vertrag wird allerdings erwähnt, dass das «Swiss Sprinter Building» von Masdar nur dann gebaut wird, wenn in den nächsten Monaten weitere Mieter gefunden werden. Ob die Schweizer Botschaft und die Residenz im 2014 nach Masdar ziehen werden, hängt deshalb davon ab, ob diese zusätzlichen Mieter termingerecht gefunden werden können.
Was kostet das die Schweiz?
Das Gebäude, falls Masdar entscheidet das «Swiss Sprinter Building» zu bauen, wird von Masdar erstellt; es ist eine Investition von Masdar. Masdar wird dann Büros und Wohnungen an Interessierte vermieten.
Wie müssen wir uns das Swiss Village konkret vorstellen? Kühe in der Wüste? Fondue? Schokolade?
Auch das Projekt eines «Swiss Sprinter Villages» wurde im Rahmen der Redimensionierung des Masterplans verkleinert. Momentan plant Masdar ein «Swiss Sprinter Building» mit gemischter Nutzung – Büros für die Schweizer Botschaft, Business Center für Schweizer Unternehmen, Schweizer Restaurants, Läden mit Schweizer Uhren und Schokolade, einem Schaufenster für die Schweizer Cleantech Industrie und der Residenz des Schweizer Botschafters.
Herr Bruelhart, vielen Dank für das Gespräch! Zuerst veröffentlicht in der Basler Zeitung am 17.12.2011 |








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