„Weltweit wird die Grüne Gentechnik weitere Erfolge verzeichnen“ - Interview mit Christel Happach-Kasan PDF Drucken E-Mail
6.09.2010



Die promovierte Biologin Christel Happach-Kasan ist Vorsitzende der Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz der FDP-Bundestagsfraktion.  Im Interview mit Ökowatch erklärt Dr. Happach-Kasan, warum die Artenvielfalt durch den Einsatz der Grünen Gentechnik in der Landwirtschaft nicht gefährdet wird und welche Vorteile die Nutzung dieser Technologie ihrer Ansicht nach hat.

Ökowatch: Sie gehören zu den Fürsprechern der umstrittenen „Grünen Gentechnik“. Dabei verweisen Sie auf Vorteile wie den durch gentechnisch veränderte Pflanzen möglichen geringeren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Was sagen Sie zu den Argumenten der Gegner, dass der geringere Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nicht langfristig gehalten werden kann, die Grüne Gentechnik das Saatgut verteuert, Patente auf pflanzliche Organismen begründet und die Abhängigkeit der Bauern von Großkonzernen erhöht?

Christel-Happach-Kasan: Biologische Systeme sind ständig im Wandel. Schadorganismen entwickeln langfristig Resistenzen gegenüber Pflanzenschutzmitteln. Das ist ganz unabhängig davon, ob sie wie bei den Bt-Sorten Teil der Pflanzen sind oder ob sie äußerlich angewendet werden. Vor drei Jahren hatten wir in Schleswig-Holstein sehr viele Rapsglanzkäfer. Wer ein gelbes T-Shirt trug, wurde gezielt von Hunderten von Käfern angeflogen. Sie waren gegenüber dem gängigen Pflanzenschutzmittel resistent geworden.

 

Es ist richtig, dass gv-Sorten teurer sind als herkömmlich gezüchtete Sorten. Landwirte entscheiden sich nur dann für diese Sorten, wenn dem höheren Preis auch eine höhere Leistung gegenüber steht, die den Preis rechtfertigt. In den Befallsgebieten des Maiszünslers in Deutschland haben sich in der Vergangenheit Landwirte für den Anbau von Bt-Mais entschieden, weil die Einsparung von Pflanzenschutzmitteln, der bessere Ertrag und die höhere Qualität des Maises den höheren Preis des Saatguts rechtfertigten. (Bt-Mais enthält ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis, das eine Resistenz gegenüber dem Maiszünsler vermittelt.) Die über die vergangenen 15 Jahre stetige Zunahme der Zahl der Landwirte weltweit, im letzten Jahr waren es 14 Millionen, die sich für diese Sorten entschieden haben, zeigt, dass eine zunehmende Zahl von Landwirten von ihrem Nutzen überzeugt ist.


Seit über 100 Jahren werden Organismen patentiert. Das erste Patent auf einen Mikroorganismus reichte Louis Pasteur ein, der eine Hefe patentieren ließ. Inzwischen sind mehrere hundert Mikroorganismen patentiert worden. In der medizinischen Forschung werden zur Erforschung von Krankheiten gentechnisch veränderte Tiere eingesetzt, die ebenfalls patentiert sind. Patente dienen dem Urheberrechtsschutz. Ein Autor hat Anspruch auf den Urheberrechtsschutz für sein Werk, ein Erfinder für seine Erfindung. Der Schutz geistigen Eigentums ist gerade in einer Wissensgesellschaft eine unverzichtbare Voraussetzung für die Entwicklung von Innovationen in Forschung und in Unternehmen. In der Pflanzenzüchtung werden so genannte Konstrukte patentiert, wie das Bt-Konstrukt, das den Pflanzen die Resistenz gegenüber dem Maiszünsler vermittelt. Das Konstrukt ist patentiert, die isogene Ausgangslinie ohne Konstrukt unterliegt allein dem Sortenschutz.


Landwirte entscheiden eigenständig, von wem sie ihr Saatgut kaufen. Es ist eine politische Aufgabe, das Entstehen von Monopolstrukturen zu verhindern, die wirtschaftliche Macht von Großkonzernen zu begrenzen. Die FDP sieht in der Verhinderung von Monopolen und der Stärkung mittelständischer Unternehmen eine wichtige wirtschaftspolitische Aufgabe. Monopole werden nicht abgeschafft, in dem man Landwirten in Deutschland den Zugang zu gentechnisch veränderten Pflanzen verwehrt.

Ökowatch: Finden Sie die Vorstellung eines Rattengens im Salat oder eines Flundergens in einer Erdbeere nicht dennoch beängstigend?

Christel Happach-Kasan: Was ist ein Rattengen, was ist ein Flundergen? Ich halte den Kreationismus für einen Irrglauben. Die gemeinsame Evolution von Tieren und Pflanzen ist auch daran zu erkennen, dass es sehr viele Gene gibt, die sowohl in Tieren als auch in Pflanzen vorkommen. Daher kann man nicht von einem Rattengen sprechen, sondern nur davon, dass ein Gen aus einer Ratte isoliert wurde. Dieses Gen kann auch in einer Pflanze vorkommen. Ich finde Kopfsalat lecker, der frei von Blattläusen ist. Zumeist sorgt die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln dafür, aber ich kann mir auch einen gentechnisch veränderten Salat vorstellen, woher auch immer das Resistenzgen dann kommen mag. Jedes naturbelassene Lebensmittel hat Gene und das ist gut so.

Ökowatch: Trotzdem steht ein Großteil der Verbraucher der Grünen Gentechnik skeptisch gegenüber. Warum sollte man den Menschen eine Technologie aufzwingen, die diese gar nicht wollen?

Christel Happach-Kasan: Es ist in keiner Weise gerechtfertigt, den Verbraucherinnen und Verbrauchern Produkte von gentechnisch veränderten Organismen aufzuzwingen. Es gibt aber auch keinen Grund, deren Nutzung denen zu verweigern, die sie haben wollen. In dieser Situation ist es eine politische Aufgabe, Wahlfreiheit zu schaffen. In der Europäischen Union haben wir die Organisation der Koexistenz mit dem Kennzeichnungsgrenzwert 0,9 % vereinbart. Ein Produkt muss gekennzeichnet werden, wenn der Anteil an pflanzlichen GVO 0,9 % oder mehr beträgt. Der Europarechtler Prof. Dr. Hans-Georg Dederer hat in einem Interview dazu ausgeführt: „Wer keine Gentechnik will, muss Toleranzen von geringfügigen GVO-Spuren hinnehmen, und der GVO-Landwirt muss bestimmte betriebsführungsbezogene Maßnahmen, so genannte Best Practices, umsetzen – etwa Mantelsaaten oder Abstandsflächen – ,die alle auch Geld kosten. Solche beiderseitigen Einschränkungen schaffen Verhältnismäßigkeit.“ Die christlich-liberale Koalition will darüber hinaus die so genannte Prozesskennzeichnung einführen. Alle Produkte, die mit Gentechnik in Berührung gekommen sind, der Käse, der mit Hilfe von gv-Mikroorganismen produziert wurde, der Saft, der solche Vitamine enthält, Produkte von Tieren, die irgendwann in ihrem Leben mit GVO gefüttert wurden, sollen gekennzeichnet werden. Dadurch soll die jetzige „Ohne-Gentechnik“ -Kennzeichnung abgelöst werden, die eine glatte Verbrauchertäuschung ist.

Ökowatch: Haben die Befürworter der Grünen Gentechnik ihre Versprechungen hinsichtlich einer Verbesserung der Welternährung und der landwirtschaftlichen Erträge denn halten können?

Christel Happach-Kasan: Viele Erwartungen, die mit der Anwendung der Grünen Gentechnik als Züchtungsmethode verbunden wurden, wurden eingelöst, aber nicht alle. Das Merkmal Ertragssteigerung ist so komplex, dass dies mit der Einfügung weniger Gene nicht erreicht werden kann. Dagegen wird mit den Bt-Pflanzen, die eine Resistenz gegenüber bestimmten Schadorganismen besitzen, eine hohe Ertragssicherheit erreicht, wodurch sie für arme Bauern in Schwellenländern sehr attraktiv sind. Dies zeigt insbesondere die Erfolgsgeschichte der Bt-Baumwolle in Indien. Die Entwicklung weiterer Sorten, die gegen Schadorganismen resistent sind, ist weit vorangeschritten: Gv-Kartoffeln, die gegen die Krautfäule resistent sind, eine Kartoffelkrankheit, die in Irland im 19. Jahrhundert Hungersnöte verursacht hat, ist in der Erprobung, ebenfalls eine Banane, die gegen den schwarzen Sigatoka-Pilz resistent ist. Kochbananen sind in vielen südlichen Ländern ein Grundnahrungsmittel. Die Bt-Aubergine hat alle Voraussetzungen zur Zulassung erfüllt. Das nun aus ideologischen Gründen ausgesprochene Moratorium ist für die Natur und die Landwirte ein herber Rückschlag. Europäische Organisationen, die dazu beigetragen haben, die Zulassung der Bt-Aubergine zu verhindern, haben den Menschen in der Region einen Bärendienst erwiesen. Ein trockentoleranter Mais soll voraussichtlich 2012 die Zulassung erhalten, der Goldene Reis, der durch seinen Gehalt an Vitamin A hilft, das Problem der Mangelernährung zu lösen, ebenfalls.

Ökowatch: Könnte ein Verlust der Artenvielfalt infolge Grüner Gentechnik – zum Beispiel bei Getreidesorten – nicht auch die Welternährung gefährden?  Etwa, wenn sich die geringere Anzahl verbliebener Sorten als anfällig für bestimmte Pflanzenkrankheiten herausstellt?

Christel Happach-Kasan: Der Erhalt der agrarischen Biodiversität ist eine öffentliche Aufgabe. In der ex-situ Genbank des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben lagern Samen von etwa 150.000 Pflanzensorten, die etwa 3.000 Arten angehören. Pflanzenzüchter haben zudem eigene Archive, in denen sie ihre Pflanzensorten und auch verwandte Wildpflanzen bewahren. Die Züchtungsmethode Grüne Gentechnik erweitert das Spektrum der für die Landwirtschaft zur Verfügung stehenden Sorten. Eine Minderung der agrarischen Biodiversität ist nicht zu befürchten.

Ökowatch: Was wären die volkswirtschaftlichen Konsequenzen, wenn es in einigen deutschen Bundesländern zu einem faktischen Verbot der Grünen Gentechnik kommen sollte?

Christel Happach-Kasan: Ein faktisches Verbot des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen hat zur Folge, dass in diesem Bereich forschende Unternehmen abwandern, ihr Wissen und gut ausgebildete Fachkräfte mitnehmen und in Arbeitsplätze im Ausland investieren. Dies ist schon jetzt zu beobachten. Es lohnt nicht, in Deutschland etwas zu erforschen, das, egal wie gut es ist, bei uns nicht angewendet werden darf. Für die Landwirte bedeutet ein Verbot, dass sie auf kostengünstige Produktionsmethoden verzichten müssen und dadurch verstärkt auf staatliche Subventionen angewiesen bleiben. Es würde sich wiederholen, was durch die politische Blockade der Insulinproduktion vor etwa 15 Jahren schon einmal geschehen ist: Innovative Unternehmen wandern ab.

Ökowatch: Welche Zukunft sehen Sie für die Grüne Gentechnik in Deutschland und weltweit?

Christel Happach-Kasan: Weltweit wird die Züchtungsmethode Grüne Gentechnik weitere Erfolge verzeichnen. In 25 Ländern werden gv-Pflanzen angebaut, 24 Arten wurden bisher mit der Grünen Gentechnik züchterisch bearbeitet. Das wird sich fortsetzen.
Die Entwicklung in Deutschland ist schwerer vorherzusagen. Ich neige zu vorsichtigem Optimismus. Warum sollte im Land der Aufklärung nicht doch die Erkenntnis an Raum gewinnen, dass mit gv-Sorten, die wie der Bt-Mais gegen Schadorganismen resistent sind, die wie die Amylopektin-Kartoffel einen nachwachsenden Rohstoff für die industrielle Verwertung herstellen, die Natur geschont und die Produktqualität gesteigert wird?


Ich meine außerdem: Wir in den reichen Ländern der Erde haben eine ethische Verpflichtung, den Menschen in den armen Regionen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Dazu gehört unter anderem, ihre Bildung zu verbessern und ihnen verbesserte Pflanzensorten zur Verfügung zu stellen, die ihnen eine gesunde Ernährung ermöglichen. Der goldene Reis ist dafür ein Beispiel. Mit seinem Anbau kann verhindert werden, dass Kinder erblinden, wird Kindern eine reale Zukunftschance gegeben. Ich empfinde es als beschämend, dass Menschen aus Ländern, die keinen Vitamin-A-Mangel kennen, aus ausschließlich ideologischen Gründen diesen Reis bekämpfen und damit Kinder der Erblindung aussetzen, ihnen Zukunftschancen verwehren. Wer eine solche Züchtung ideologisch bekämpft, handelt selbstgerecht und unethisch.

 

Ökowatch: Frau Dr. Happach-Kasan, herzlichen Dank für das Gespräch

 

Das Interview führte Fabian Heinzel

 

http://www.happach-kasan.de/

 

(Foto: Pressefoto Happach-Kasan)

 

Kommentare  

 
# Klaus Ammann 2010-09-07 13:58
Ich plfichtre Frau Happach-Kasan in allen Punkten bei. Es gibt nun genügend harte wissenschaftliche Ergebnisse, die zeigen, dass durch die Gentechnologie die Sortenvielfalt gesteigert werden konnte und auch die Nicht-Zielinsekten besser vor giftigen Pestiziden geschützt werden, Der Widerstand gegen den Goldenen Reis grenzt an Oeko-Imperialismus, den wir besser bleiben lassen sollten. Und übrigens: wenn man die ideologischen Widerstände weglässt, kann man durchaus in vernünftiger Weise Öko-Landwirtschaft und moderne Gentech-gezüchtete Kulturpflanzen mit einander verbinden,k das gilt sogar für die Bio-Landwirtschaft
Klaus Ammann, em. Prof. Universität Bern
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
 

Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie die Diskussionsregeln:
http://oekowatch.org/index.php/de/oekowatch-blog/diskussionsregeln
Please adhere to our discussion rules:
http://oekowatch.org/index.php/en/articles/discussion-rules


Sicherheitscode
Aktualisieren