Ökowatch im Fernsehen - das NDR-Medienmagazin "Zapp" wartet mit einem Lehrbeispiel für politisierten Journalismus auf (Teil II) PDF Drucken E-Mail
13.10.2011

 

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Am 28. September 2011 war Ökowatch überraschend Thema eines Fernsehbeitrags des Medienmagazins "Zapp" im Norddeutschen Rundfunk (2. Wiederholung: Heute nacht, 14. Oktober 2011, 1.30 Uhr).

 

"Maskiert - die Nähe zwischen Blogs und Parteipolitik" betitelte das Magazin den Beitrag, in dem unter anderem eine Verbindung zwischen Ökowatch und der Friedrich-Naumann-Stiftung konstruiert werden soll, die - um es gleich vorwegzunehmen - nicht existiert.

 

Am 6. Oktober 2011 wurden in einem Artikel bei Ökowatch den Aussagen im Film einige Fakten gegenübergestellt.

 

In Teil II fragt Ökowatch heute: Mit welchen Instrumenten arbeitet die Zapp-Redaktion im Beitrag, um aus der nicht vorhandenen Realität das gewünschte Ergebnis ableiten zu können?

 

 

 

1. Der richtige Ton wird gesetzt

Der Zapp-Beitrag kombiniert mehrere inhaltsüberlagernde Elemente, die den Zuschauer unmissverständlich darauf einstimmen, wie der dargestellte Inhalt zu bewerten ist:

 

Einführungstext: In der Mediathek des NDR wird der Beitrag mit folgenden Worten angekündigt:

 

"Es stinkt nicht, aber es riecht, wenn ein Mitarbeiter einer parteinahen Stiftung angeblich unabhängig bloggt und Interna aus der Stiftung in einen Blog gelangen."

 

Mit dieser Einführung, noch bevor man den Film gesehen hat, ist eigentlich schon alles gesagt: Der Zuschauer sitzt in eine übelriechende Wolke gehüllt und wartet, welche Sauerei da gleich aufgeklärt wird. Die Relativierung, dass es "nicht stinkt", sondern nur "riecht" ist dabei eine verbale Taschenspielerei, denn der Gestank ist schon benannt und das menschliche Gehirn nicht in der Lage, eine Verneinung anders als über die Vorstellung des Verneinten vor das geistige Auge zu bringen. Klar ist auch schon, wer für den üblen Geruch zuständig ist - eine parteinahe Stiftung. Jetzt muss der Zuschauer den Beitrag nur noch ansehen, um zu erfahren, welche Stiftung für den Gestank gesorgt hat.

Titelgebung: "Maskiert - die Nähe zwischen Blogs und Parteipolitik" wird der Fernsehbeitrag betitelt. Vor allem zwei Begriffe im Titel setzen den Zuschauer dabei weiter aufs richtige Gleis: Mit dem Begriff "maskiert" ersteht vor dem Auge des Zuschauers das Bild, dass er gleich etwas zu sehen bekommt, das vor der Öffentlichkeit geheimgehalten wird. In Verbindung damit scheint der Begriff "Parteipolitik" mit Bedacht gewählt. Zum einen entsteht damit der Eindruck, dass hinter der Maskierung eine Partei steckt, die die Fäden zieht, obwohl im Beitrag nur auf eine politische Stiftung eingegangen wird, die rechtlich von den Parteien getrennt sein muss. Da nicht einmal diese eine Verbindung zu Ökowatch aufweist, ist der Titel relevant, um die im Beitrag nicht vorhandenen Belege von Beginn an zu überlagern und den Zuschauer die Aussagen im Beitrag von der gewünschten Warte aus betrachten zu lassen. Auch die Anmoderation, die in der Mediathek des NDR nicht mehr enthalten ist, folgt mit dem Übergang von Philipp Rösler über die Stiftung zu Ökowatch schon diesem Schema. 

Hintergrundmusik: Die Hintergrundmusik in Liebesfilmen hört sich üblicherweise anders an als in Horrorfilmen. Sicher kennen Sie auch das Prinzip, dass die Musik im Thriller die böse Tat unterstreicht oder schon um Sekunden vorwegnimmt, so dass der Zuschauer weiß - gleich kommt der Bösewicht. Schauen Sie sich den Filmbeitrag einmal unter dem Gesichtspunkt der Unterstützung der gewünschten Aussage durch die Musik an - die Hintergrundmusik ist ein kleines Schmankerl, dass auch hier in der Redaktion schon für Heiterkeit gesorgt hat.

Stimme: Die Stimme der Sprecherin erreicht nicht das Nivau der moralinsauren Empörung, die man aus Boulevardbeiträgen kennt, in denen siebzehneinhalbjährige Jugendliche mit versteckter Kamera zum Alkoholkauf in Supermärkte geschickt werden, doch ist auch hier in der Kombination von Text und Duktus mit kleinen polemischen Höhepunkten unmissverständlich, was der Zuschauer vom Gezeigten halten soll. Hören Sie sich Stellen wie die Aussprache vom bereits in Teil I zitierten "wie praktisch" an, das einen normalen Sachverhalt beschreibt, und Sie wissen, welche Schandtat da in Wirklichkeit aufgedeckt wird.

Die Methode der "Tonsetzung" ist in noch schärferer Form auch im ursprünglichen Artikel von Christian Sieckendieck zu finden, der zum Zapp-Beitrag geführt hat. Dort wartet statt eines Einführungstextes gleich rechts neben dem Beitrag eine beeindruckende Phalanx von Schlagwörtern auf, die die Einordnung der Friedrich-Naumann-Stiftung in die "rechtsextreme Szene" noch vor Lektüre des Artikels unmissverständlich nahelegt:

 

artikeltags
Wir ersparen uns die Analyse, auf welcher politischen Position man stehen muss, um die dargestellten Ausprägungen des demokratischen Spektrums mit dem Etikett "rechtsradikal" zu versehen.

 

 

2. Vermeiden der inhaltlichen Diskussion

 

Im ganzen Beitrag von Zapp wird in Bezug auf Ökowatch nicht auf Inhalte eingegangen - eine beliebte Methode z.B. auch im Kampf gegen politische Gegner, die auf der sachlichen Ebene schwer zu beschädigen sind. Inhaltliche Argumente wären beim Zapp-Beitrag eigentlich nicht relevant, da Kern des Beitrags ist, eine vermeintliche Verbindung zwischen Institutionen aufzuzeigen. Jedoch steigt die Zapp-Redaktion selbst in die Benennung von Themen ein, die aus der Intention des Beitrags heraus geeignet scheinen, Ökowatch und damit die als verbunden bezeichnete Friedrich-Naumann-Stiftung ins gewünschte Licht zu rücken. Zapp setzt sich jedoch in der Folge nicht argumentativ mit den Themen auseinander, die als "Tabu-Themen" instrumentalisiert werden, nachdem mit deren Benennung der Zweck der Übung schon erfüllt ist und die inhaltliche Diskussion das Argument nur noch schwächen könnte.



3. Setzung von "Tabu"-Themen

 

Zapp benennt drei ausgesuchte Artikel des Autors Steffen Hentrich, die mit der Benennung der Themen den Zweck erfüllen sollen, beim Zuschauer die Erkenntnis zu verfestigen, dass man es im Beitrag mit einem dubiosen Blog zu tun hat:

 

"Man lernt zum Beispiel, warum Deutschland schon zu viel Klimaschutz betreibt, oder warum Recycling wenig Sinn machen soll und Kinder lieber nicht auf Ökopapier malen sollten."

 

Eine Einordnung dieser drei volkswirtschaftlich argumentierenden Autorenbeiträge von Steffen Hentrich im Ökowatch-Blog oder eine inhaltliche Auseinandersetzung erfolgt nicht, nachdem die Leser nun wissen, dass Ökowatch nicht einmal davor zurückschreckt, Kindern die Nutzung von Ökopapier auszureden.

 

An anderer Stelle dasselbe Schema:

 

"Es geht gegen Energiesparlampen, es geht gegen noch mehr Ausgaben für Klimaschutz, es ist ein Loblied auf die Plastiktüte. [...]"

 

Inhalt? Fehlanzeige. Sonst könnte der Zuschauer noch darauf gestoßen werden, dass die Autoren von Ökowatch als einer der "merkwürdigen Blogs" sich nicht gegen Umweltschutz aussprechen, sondern z.B. gegen fragwürdige Maßnahmen, die echten Umweltschutz durch die Verschwendung von Ressourcen erschweren.

 


4. Verwendung von konnotativ-wertenden Begriffen

 

Zusätzlich zur Herausstellung von vermeintlich negativ besetzten Themen wird im Zapp-Beitrag Vokabular verwendet, das Information durch Bewertung ersetzt (die Friedrich-Naumann-Stiftung "gibt zu") und teilweise in die Kategorie "politische Kampfbegriffe" einzuordnen ist. An einer Stelle heißt es zum Beispiel:

 

"Es geht gegen Energiesparlampen, es geht gegen noch mehr Ausgaben für Klimaschutz, es ist ein Loblied auf die Plastiktüte. [...] Es ist ein ganz klar neoliberales Portal. Ideologiefrei, dieser Begriff wirkt schon arg skurril."

 

Weder ist der Ansatz von Ökowatch liberal (Stichworte "Seriosität, Wirkungen und Transparenz"; anders wäre auch nicht zu erklären, dass z.B. CDU- und SPD-Anhänger Beiträge einreichen und positiv kommentieren), noch vertritt Ökowatch eine ordnungspolitische Linie, die als neoliberal bezeichnet werden könnte.

 

Doch das ist nicht die Ebene, auf der der zitierte "Experte" im Beitrag spricht. Es geht nicht um eine Inhaltsdefinition - das Merkmal von politisierten Begriffen wie "neoliberal" ist, dass mit einem Begriff schon alles gesagt sein soll. Statt Information wird eine negative Marke gesetzt, die dem Zuschauer und Leser verdeutlichen soll, dass ein genaueres Hinschauen nicht lohnt, weil man mit "neoliberalen Schmuddelkindern" nicht spielt.

 

 

5. Bewusste Falschaussagen

 

Im Zapp-Beitrag sind zahlreiche Falschaussagen enthalten, die insofern als bewusste Fehlinformation deklariert werden müssen, als die Redaktion die dazu notwendige Einholung von Informationen unterlassen hat. Einige der Falschaussagen in Bezug auf Ökowatch haben wir im ersten Teil dieses Beitrags aufgeführt.

 

 

6. Bezug auf Personen statt inhaltlicher Argumentation, Ausweitung zur Sippenhaft

 

Die Vermeidung von inhaltlicher Auseinandersetzung wird oft gekoppelt mit dem Angriff auf Personen, eine in der Politik beliebte Methode, wenn man auf der inhaltlichen Ebene wenig entgegenzusetzen hat oder es aus ideologischen Gründen nicht um Sachargumente geht.

 

Die "Sippenhaft" kann als Fortführung dieses Prinzips auf die Ebene der Gruppe oder Organisation und als prägendes Element des Zapp-Beitrags bezeichnet werden. Die Struktur des ganzen Beitrags ist darauf aufgebaut, Organisationen als "merkwürdig" zu klassifizieren, um eine andere Organisation dadurch diskreditieren zu können ("Maskiert - die Nähe zwischen Blogs und Parteipolitik"). Dabei werden sogar Verbindungen aufgezeigt, die es nicht gibt, oder Zusammenhänge nach dem Prinzip konstruiert: "Über maximal 6 Kontakte kennt auf der Welt jeder jeden."

 

Ein Zuschauer ironisiert das von Zapp angewandte Prinzip auf der Kommentarseite des Zapp-Beitrags wie folgt: "Mit der Transparenz beim NDR ist es leider nicht weit her. Dem Zuschauer wird nämlich vom NDR verschwiegen, dass der zitierte Journalist Christian Fuchs finanzielle Zuwendungen von einer Einrichtung erhalten hat, die mit der Friedrich-Naumann-Stiftung konkurriert, er also nicht als unbefangen gelten kann."

 


7. Umkehrung der Normalität

 

Hindus sprechen davon, dass im derzeitigen Kali-Yuga, dem Zeitalter des Streites, Wahres für Falsch und Falsches für Wahr ausgegeben wird. Diesem Eindruck kann man sich auch beim Ansehen des Zapp-Beitrags nicht erwehren, wenn Übliches plötzlich als fragwürdig hingestellt wird. Bei den in Teil I dieses Beitrags aufgeführten Beispielen stechen zwei Punkte besonders heraus und lassen den Zuschauer in einer Mischung zwischen Unglauben und Amüsement zurück:

  • Die übliche Verlinkung zur Originalquelle eines zweitveröffentlichten Beitrags wird als anstößig dargestellt
  • Es wird bei einem Autorenblog moniert, dass "immer wieder diesselben Autoren" schreiben

 

Wir lassen diese beiden Aussagen für sich sprechen. 

 

 

Lesen Sie im dritten und letzten Teil dieses Beitrags über manipulative Schnittechniken, die Missachtung von Kontext und Relation und die Expertenillusion, sowie eine These der Ökowatch-Redaktion zur Entstehung des Fernsehbeitrags 

 

 

 

Links zur Sendung

 

 

Weitere Links zum Thema

 

 

Links zur Vorgeschichte des Fernsehbeitrags

 

Kommentare  

 
# Freidenker 2011-10-14 07:02
Agitprop im Staatsfunk schaue ich mir schon lange nicht mehr an! Und wenn, dann nur zur Belustigung...
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